Christian – Vorstellung

Ich bin Christian – oder war es doch schon immer Chantal?

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Christian
Christian

Die Sonne fällt gerade durch die hohen Fenster meiner Altbauwohnung im vierten Stock, als ich mich hier hinsetze, Laptop auf dem Schoß, und zum ersten Mal öffentlich schreibe. Ich bin Christian, 21 Jahre alt, Lagerist in Travemünde, und normalerweise der Typ, der morgens um halb sechs schon auf den Beinen ist, weil der Bus 40 ab Kohlmarkt pünktlich fährt. Lübeck ist meine Stadt, die engen Gassen, der Wind vom Hafen – doch seit Lena, meine Zwillingsschwester, vor drei Wochen hier eingezogen ist, hat sich alles gedreht.

Sie kleidet sich so selbstverständlich sexy, dass ich es zuerst kaum wahrgenommen habe. Eng anliegende Tops, kurze Röcke, Spitzen überall. Eines Abends, als sie weg war, räumte ich auf und fand auf ihrem Stuhl ihren getragenen Slip und BH vom Vortag – weicher Baumwollzwickel, der noch warm war vom Körper. Der Stoff fühlte sich so unerwartet gut an, dass ich ihn einfach angezogen habe. Dann lag da noch die dünne rosa Bluse und der schwarze A-Linien-Minirock. Es war wie ein Sog, alles überzuziehen. Weil wir fast die gleiche Statur haben, 1,68 m und schlank, passte es wie für mich gemacht. Gerade als ich fertig war, kam sie zurück und fing mich so an. Statt zu lachen, grinste sie nur und sagte: „Ab jetzt bist du Chantal, wann immer ich da bin.“

Seitdem ist kein Tag mehr wie vorher. Jeden freien Moment muss ich als Mädchen verbringen. Sie kauft mir Sachen – Slips, Strumpfhosen, das zarte Nachthemd, Pumps mit Blockabsatz –, und ich bezahle sie, weil sie es so will. Stück für Stück hat sie meine alten Sachen verschwinden lassen, bis im Schrank nur noch Feminines hing. Heute fahre ich schon in Rock und Bluse zur Arbeit, und niemand hat bisher gefragt. Abends zwingt sie mich, Foundation gegen den Bartschatten aufzutragen, rosafarbenen Lippenstift, klaren Lack auf die Nägel. Es fühlt sich seltsam erregend an, wie der Stoff eng anliegt, wie der Rock bei jedem Schritt leicht schwingt. Ich bin single, trinke nie, rauche nicht, bewege mich kaum – doch jetzt bewegt sich alles um mich herum.

Warum ich das hier öffentlich schreibe? Lena hat es so angeordnet. Sie will, dass ich das Tagebuch führe, für alle sichtbar. Vielleicht damit ich nicht mehr zurückkann. Zwei, drei Dinge nur ich weiß: Mein Lieblingsort ist die stille Ecke am Figurentheater in der Kleinen Petersgrube, wo ich früher allein gesessen habe. Und diese eine Nacht, als der Stoff des Slips so perfekt saß und ich zum ersten Mal spürte, wie sich etwas in mir löste. Jetzt gibt es kein Zurück. Ich bin Christian, aber immer öfter einfach Chantal – und das ist meine neue, knisternde Realität.

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