Die verirrte Perücke im Lesesaal
Max schlüpfte durch die schwere Eichentür der Universitätsbibliothek. Der Herbstabend draußen war feucht und kühl, sein Hemd bot kaum Schutz. Er steuerte die Fundkiste an, um seine Jacke zu holen, doch seine Hand griff versehentlich tiefer in den Korb. Statt des eigenen Stoffes zog er eine weiche Strickjacke aus grauer Wolle hervor, darunter einen geraden mittellangen Rock aus beigefarbenem Leinen und eine neutrale Perücke aus glattem hellbraunem Haar. Die Materialien fühlten sich fremd und leicht an.
Verwirrt starrte er auf die Fundstücke. Sollte er alles zurücklegen? Die Leserunde zu den Novellen begann in wenigen Minuten, und die Zeit drängte. Seine Gedanken wanderten zur peinlichen Verwechslung und zur Kälte, die ihn ohne Jacke draußen erwartete. Der Rock raschelte leise in seiner Hand, die Perücke roch nach altem Shampoo. Max zögerte, das Herz schlug schneller.
Von ihrem Tresen winkte Anna, die zweiunddreißigjährige Bibliothekarin, ihm bereits zu und lächelte freundlich.
Die Leserunde beginnt
Die Leserunde füllte den abgedunkelten Saal mit leisem Rascheln und erwartungsvollem Murmeln. Max hatte die Strickjacke übergezogen, den Leinenrock geglättet und die Perücke aufgesetzt, weil die Kälte aus dem Flur bis hierher kroch. Als der vorgesehene Leser fehlte, schob ihn Anna mit einem Nicken nach vorne. Er ergriff das Buch, beugte sich zum Mikrofon – und spürte, wie die Perücke verrutschte. Ein leises Kichern lief durch die Reihen.
„Guten Abend, Frau Doktor“, flüsterte jemand. Maxs Herz klopfte. Er las die Novellenstelle mit belegter Stimme, bückte sich erneut nach einem umgekippten Bücherstapel. Die Stapel polterten zu Boden, Gelächter brandete auf. „Entschuldigung, Herr… äh, Frau Professorin“, korrigierte sich eine Studentin.
Max spürte Hitze im Gesicht, doch das allgemeine Schmunzeln steckte ihn an. Er lachte mit, las weiter und bemerkte, wie Anna am Tresen stand und amüsiert den Kopf schüttelte. Die falsche Anrede löste noch mehr heiteres Flüstern aus. Die Perücke hielt diesmal.
Ein unerwartetes Lob
Der emeritierte Professor trat nach der Lesung mit leuchtenden Augen heran, musterte Max von Kopf bis Fuß und ergriff seine Hand. „Meine liebe Frau Sommerfeld, was für eine Freude! Diese neue Frisur steht Ihnen wunderbar – so natürlich und doch voller Charme. Früher waren Sie doch immer so kurzhaarig.“
Max spürte, wie die Strickjacke warm auf seinen Schultern lag, der Leinenrock leicht an den Beinen flatterte und die Perücke noch immer fest saß. Ein Kitzeln stieg in seiner Kehle hoch. Er lachte mit, herzlich und ungezwungen, während der alte Herr weiterplauderte. Die Absurdität des Augenblicks fühlte sich plötzlich leicht an, fast befreiend.
Als der Professor sich verabschiedete, legte Max alles zurück in die Fundkiste: Jacke, Rock, Perücke und Schuhe verschwanden still. Anna stand am Tresen, klatschte zweimal heimlich und zwinkerte ihm zu. Max nickte zurück, spürte ein warmes Lächeln auf den Lippen und ging hinaus in den Herbstabend – leichter als zuvor.
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