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Der falsche Schnitt

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Er hatte die Friseurzeitung nur flüchtig durchgeblättert und sich die Ausgabe und die Seitenzahl gemerkt. Als er vor der Friseurin saß, nannte er ihr die Zahlen. Sie blätterte nach, hielt inne und sah ihn an. Mitte dreißig, kurze dunkle Haare, schmales Silberarmband am Handgelenk, das leise klimperte, wenn sie die Seite umdrehte.

„Bist du dir wirklich sicher?“, fragte sie.

Er nickte. „Ja. Genau die.“

Sie zuckte mit den Schultern, legte ihm den Umhang um und begann zu schneiden. Die Schere klapperte gleichmäßig. Sie drehte seinen Kopf hin und her, prüfte die Länge im Spiegel und summte leise vor sich hin. Als sie fertig föhnte und ihm den Spiegel reichte, stockte ihm der Atem. Kurze freche Stufen, viele Spitzen, asymmetrisch. Sein Gesicht wirkte weicher, der Hals länger. Er sagte nichts.

Sie betrachtete ihn, tippte sich nachdenklich ans Kinn. „Warte kurz. Ich hab eine Idee.“

Sie verschwand im Hinterzimmer und kam mit Make-up, einem kurzen Rock, einer Bluse, einer Strumpfhose und einem Paar niedriger Pumps zurück. Sie stellte alles auf den Tresen und öffnete die Foundation. Der Geruch war süß und schwer, legte sich sofort auf die Haut. „Wenn du so rausgehst, fällt es jedem auf“, sagte sie und begann, die Foundation aufzutragen. „So siehst du wenigstens aus, als hättest du es so gewollt. Ich mach dich fertig. Wenn’s dir nicht gefällt, ziehst du dich wieder um. Ich hab gerade Pause.“

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Er ließ es geschehen. Sie arbeitete mit ruhigen, geübten Strichen, der Duft blieb in der Nase. Sie wählte einen dezenten Lidschatten, zog die Lippen nach und tuschte die Wimpern. „Halt still.“ Als sie ihm die Strumpfhose reichte, zitterten seine Finger. Er zog sie hoch, der Stoff klebte kühl an den Beinen. Der Rock saß eng, die Bluse war schmal geschnitten, die Pumps drückten an den Zehen und am Spann, jeder Schritt ein kleiner Widerstand. Sie trat einen Schritt zurück, betrachtete ihn von allen Seiten und nickte. „Nicht schlecht. Passt jetzt besser.“ Sie reichte ihm die Tasche mit seinen eigenen Klamotten. „Willst du so gehen oder wieder umziehen? Ich kann dir auch die Nummer von einem geben, der das rückgängig macht.“

Er stand lange vor der Tür. Die Hand lag auf der Klinke. Draußen Schritte auf dem Gehweg. Er stellte sich die Blicke vor, das Lachen. Die Schuhe drückten. Sie lehnte am Tresen, die Arme verschränkt, und wartete, ohne ihn zu drängen. Er öffnete die Tür und trat hinaus. Der Rock schwang bei jedem Schritt, die kalte Luft zog unter den Stoff, er hielt den Blick fest auf dem Boden.

In der Kneipe setzte er sich an den gewohnten Tisch, die Tasche zwischen den Füßen. Einer musterte ihn, grinste. „Was soll das denn werden?“ Der andere schüttelte den Kopf. „Sieht aus, als wärst du falsch abgebogen.“ Sie bestellten Runden. Er trank mit. Der Alkohol machte die Scham weicher, die Stimmen lauter. Jemand legte den Arm um ihn. „Komm mit, wir gehen noch zu mir.“

Er starrte in sein Glas. Die Finger lagen fest um den Rand. Sein Puls schlug bis in die Schläfen. Er wollte aufstehen und gehen, doch die Beine fühlten sich schwer an. „Ich sollte eigentlich schon längst zu Hause sein“, sagte er und hörte selbst, wie dünn die Stimme klang. Der eine klopfte ihm auf die Schulter. „Ach komm schon. Nur kurz.“ Er hob den Blick, sah die Tür, dann die Gesichter. Die Schuhe drückten unter dem Tisch. Er schob den Stuhl zurück, blieb noch einen Moment sitzen, stand dann doch auf und folgte, den Blick auf die eigenen Füße gerichtet.

In der Wohnung zog ihn jemand aufs Bett. Er setzte sich auf die Kante, die Hände ineinander, und starrte auf den Boden. Die Pumps standen neben dem Bett, die Zehen schmerzten. „Ich bin mir nicht sicher, ob das hier richtig ist“, sagte er und ließ die Hände nicht los. Niemand antwortete sofort. Eine Hand öffnete den Rock. Er schob sie weg, diesmal fester. „Wartet mal.“ Der Alkohol war stärker. Die Hand kam zurück. Er ließ sie liegen, dann die nächste. Die Stimmen vermischten sich mit dem Rascheln der Strumpfhose. Er drehte den Kopf zur Seite, roch noch den süßen Duft der Foundation und schloss die Augen.

Während er noch auf dem Bett lag, ging einer der anderen in seine Wohnung. Er räumte alles weg, was männlich war: Hosen, Hemden, Schuhe, Unterwäsche, sogar die alten Socken. Am nächsten Morgen war nichts mehr da. Nur die Sachen aus dem Salon lagen noch in der Tasche.

In den Tagen danach kaufte er sich neue Sachen. Zuerst das Nötigste, dann mehr. Die Strumpfhosen aus dem Salon lagen noch in der Tasche. Er zog sie an, wenn er allein war, und betrachtete sich im Spiegel. Der Stoff fühlte sich kühl an, die Schuhe drückten anders als die alten. Es fühlte sich fremd an und gleichzeitig richtig. Er ging wieder zur Friseurin, ließ sich die Nägel machen und die Augenbrauen zupfen. Sie erkannte ihn sofort, lächelte kurz. „Passt immer noch gut“, sagte sie nur und reichte ihm den Spiegel.

Irgendwann reichte das nicht mehr. Er ließ sich Brustprothesen einsetzen. Die Heilung zog sich hin. Monate später folgte die Operation. Danach lag er lange im Bett. Am dritten Tag stand er auf, ging langsam zum Spiegel und betrachtete sich. Die Form war anders. Er zog die Hand über die Haut, spürte die Wärme und ließ sie liegen. Am Abend kochte er sich etwas, aß allein am Tisch und hörte dem Kühlschrank zu, der leise summte. Die Wohnung roch nach nichts Bestimmtem.

Auf der Arbeit wurde es schwierig. Kollegen tuschelten, Kunden starrten. Am Ende bekam er die Kündigung. Eine neue Stelle fand er als Reinigungskraft an einer Berufsschule. Die Schichten waren früh. Am ersten Morgen stand er vor dem Schrank, zog einen engen Rock an und die hohen Schuhe. Die Absätze drückten, der Stoff rieb an den Beinen. In der Schule putzte er die Treppe, bevor die Schüler kamen. Die Stufen waren kalt unter den Händen. Ein Schüler blieb stehen, sah ihn an und ging weiter, ohne etwas zu sagen. Er wischte weiter, den Blick auf dem Boden. Später, in der Pause, setzte er sich auf die unterste Stufe und aß ein Butterbrot. Die Schule war still. Die Kälte der Stufe zog durch den Rock. Er kaute langsam und hörte dem eigenen Atem zu.

Der Direktor bemerkte ihn irgendwann. Zuerst nur Blicke. Eines Morgens blieb er stehen, während er die Treppe wischte. „Sie sind früh dran“, sagte er. „Die anderen fangen erst um acht an.“ Er nickte und arbeitete weiter. Später trafen sie sich nach Feierabend. Der Mann war verheiratet. Das wusste er. Trotzdem trafen sie sich weiter – in Hotelzimmern, in der leeren Schule, manchmal in der Wohnung des Direktors. Die Hände des Direktors waren groß und warm. Er selbst sagte wenig.

Er führte das Doppelleben monatelang. Morgens wischte er die Flure, abends lag er in fremden Betten. Die alte Kleidung existierte nicht mehr. Manchmal fragte er sich, was aus dem Mann geworden war, der nur eine andere Frisur gewollt hatte. Die Antwort kam nie klar. Stattdessen zog er morgens die Strumpfhose an, schminkte sich und ging zur Arbeit.

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