Wieder nur Zahlen und Leere
Nachtrag zu gestern: Gegen Mitternacht kam noch eine kurze Nachricht von Markus. Er schrieb nur „Termin läuft länger, morgen nicht möglich“. Ich habe nicht geantwortet.
Ich bin heute um halb acht aufgewacht. Die Krämpfe waren stärker als gestern. Ich habe einen Tampon gewechselt und mich in die graue Bluse mit den langen Ärmeln gezwängt, die enge schwarze Stoffhose mit Bügelfalte darüber gezogen. Darunter trug ich den hautfarbenen T-Shirt-BH ohne Naht und den weißen Baumwoll-Slip mit mittelhohem Bund. Die flachen schwarzen Ballerinas haben meine Füße kalt gehalten. Zum Dutt habe ich die schulterlangen dunkelblonden Haare hochgebunden. Die silberne Uhr war das einzige, was ich angelegt habe. Kein Make-up. Ich sah aus wie immer im Büro – unauffällig.
Die Fahrt mit der Tram 3 von Körnerstraße nach Bahnhof Deutz war voll. Ich stand die ganze Zeit. Im Büro habe ich mich direkt an meinen Schreibtisch gesetzt und die offenen Rechnungen aufgerufen. Die Zahlen verschwammen. In der Spalte für die Frachtkosten habe ich zweimal denselben Betrag doppelt eingetragen. Als ich es bemerkte, war es schon zu spät. Kollege Berger hat nur kurz hochgeschaut und weitergetippt. Ich habe geflüstert, dass ich es gleich korrigiere. Niemand hat weitergefragt. Ich bin dankbar dafür.
Gegen zehn habe ich auf der Toilette gesessen und versucht, die Krämpfe mit Wärme zu lindern. Es half nicht viel. Ich dachte daran, wie es wäre, wenn Markus mich heute Abend an die Bettpfosten binden würde. Die Vorstellung war nur kurz da, dann kam die Leere zurück. Kein Kontakt. Keine Anweisung. Kein Schmerz, der mich aus dem Kopf holt.
In der Mittagspause bin ich nicht rausgegangen. Ich habe am Schreibtisch gesessen und einen Apfel gegessen, den ich mitgebracht hatte. Die Bluse kratzte am Hals. Ich wollte sie ausziehen und stattdessen den Leder-Collar mit dem D-Ring umlegen. Das durfte ich nicht. Also habe ich weiter Tabellen sortiert und Fehler gemacht. Einmal habe ich eine falsche Summe an die Buchhaltungsleitung geschickt. Sie hat sie mir mit einer kurzen Bemerkung zurückgeschickt. Ich habe nur „Danke, wird korrigiert“ geantwortet und mich klein gemacht.
Nach Feierabend bin ich mit der Tram 3 zurück nach Ehrenfeld gefahren. Zu Hause habe ich die Schuhe ausgezogen, die Hose und die Bluse ausgezogen und nur noch den Slip und den BH behalten. Ich habe mir ein Feierabendbier geholt und am Küchentisch gesessen. Kein Bad. Kein Umschalten. Kein Markus. Ich habe den ganzen Abend nur auf dem Sofa gesessen und in die Wand gestarrt. Gegen halb zehn habe ich noch einmal die Nachricht von gestern gelesen. Dann habe ich den Laptop zugemacht.
Jetzt sitze ich hier und schreibe. Die Tränen kommen gleich. Morgen wird es nicht besser sein. Ich will nur, dass jemand mir sagt, was ich tun soll. Das tut aber niemand. Also bleibe ich sitzen und warte, bis es spät genug ist, um ins Bett zu gehen.
Lena, Dienstag, 6. Oktober 2026
