Wiesn-Geheimnis
1. Die Woche vor der Wiesn
Die Septemberluft über München hatte bereits jenen besonderen Geruch angenommen, den Thomas jedes Jahr als erstes wahrnahm, noch bevor die ersten Plakate an den Laternen erschienen. Ein Gemisch aus kühlem Flusswasser der Isar, gerösteten Mandeln, die irgendwo in der Stadt probeweise über offenem Feuer gedreht wurden, und dem fernen, kaum greifbaren Versprechen von süßem Bier. Sophie stand am offenen Fenster ihrer Wohnung im Glockenbachviertel, die Ellenbogen auf dem Sims, und ließ den Blick über die Dächer gleiten. Hinter ihr lag das große Holzbett, das sie vor drei Jahren gemeinsam gekauft hatten, und auf dem Bett lagen zwei Dirndl, sorgfältig ausgebreitet, als wären sie bereit für eine Inspektion.
„Komm her“, sagte sie, ohne sich umzudrehen. Ihre Stimme war ruhig, aber Thomas kannte diesen Ton. Es war der Ton, mit dem sie Entscheidungen ankündigte, die bereits feststanden.
Er trat hinter sie. Sophie trug nur ein dünnes Leinenhemd, das ihr bis zur Mitte der Oberschenkel reichte. Darunter nichts. Die Septembersonne zeichnete den Umriss ihrer Hüften durch den Stoff. Thomas legte die Hände auf ihre Taille, spürte die Wärme ihrer Haut durch das Leinen, und küsste den Ansatz ihres Nackens. Sie roch nach der Seife, die sie immer benutzte, nach Rosmarin und etwas Zitronigem.
„Wir gehen dieses Jahr richtig“, sagte sie. „Nicht nur am Freitagabend zwei Stunden ins Schottenhammel und dann nach Hause, weil du behauptest, die Blaskapelle sei zu laut.“
Thomas lächelte gegen ihre Haut. „Die Blaskapelle ist zu laut.“
„Du gehst mit. Und du ziehst etwas Anständiges an.“ Sie drehte sich in seinen Armen. Ihre Augen waren hellgrau, fast durchscheinend bei diesem Licht. „Ich habe nachgedacht.“
Er kannte diesen Satz ebenfalls. Wenn Sophie nachdachte, passierte etwas.
Auf dem Bett lagen zwei Dirndl. Das eine war ihres: tiefes Tannengrün, der Miederstoff fest und leicht gerippt, die Schürze in einem gedämpften Goldton, die Bluse mit dem klassischen Puffärmel. Das zweite Dirndl hatte er noch nie gesehen. Es war kleiner im Schnitt, der Stoff ein warmes Rostrot, fast wie getrocknete Hagebutten, die Schürze cremefarben mit einem dezenten Rautenmuster. Der Ausschnitt des Mieders war tiefer, als er es von Sophie gewohnt war.
„Für wen ist das?“, fragte er, obwohl ein Teil von ihm die Antwort bereits ahnte und sich dagegen wehrte, sie auszusprechen.
Sophie strich mit zwei Fingern über den roten Stoff. „Probier es an.“
Die Stille in der Wohnung war plötzlich sehr groß. Draußen fuhr eine Straßenbahn vorbei, das Rattern entfernte sich. Thomas fühlte, wie ihm Wärme ins Gesicht stieg, nicht die angenehme Wärme des Küssens, sondern etwas Schamvolleres, das gleichzeitig tiefer saß, irgendwo hinter dem Brustbein, wo seit Jahren ein Gedanke wohnte, den er nie vollständig ausgesprochen hatte.
Er hatte Sophies Kleider schon berührt. Nachts, wenn sie schlief oder auf Dienstreise war. Er hatte die Seide ihrer Nachthemden zwischen den Fingern zerrieben, was der User ausdrücklich nicht als Hauptthema wollte, und er hatte vor allem die festeren Stoffe geliebt: den dicken Baumwollsatin eines Sommerkleides, die Wolle eines Winterrocks, und immer wieder die Dirndl. Das Mieder, das schnürte. Die Bluse, die unter dem Mieder etwas hervorquoll. Die Schürze, die eine zweite Taille vorgaukelte. Es war nie nur der Stoff gewesen. Es war die Form, die ein Dirndl dem Körper gab. Eine Form, die er an sich selbst nur in der Vorstellung gekannt hatte.
„Sophie.“
„Ich weiß es“, sagte sie leise. „Nicht alles. Aber genug. Du glaubst, du bist vorsichtig. Du hängst ihre Sachen immer wieder genauso auf. Aber der Duft ist anders, wenn jemand anderes darin gewesen ist. Und einmal habe ich dich gesehen. Vor zwei Jahren. Du dachtest, ich wäre noch bei meiner Schwester.“
Thomas schloss die Augen. Die Erinnerung kam sofort: das grüne Dirndl, das er nur über die Bluse gezogen hatte, ohne richtig zu schnüren, weil er Angst hatte, die Schnürung zu verderben. Er hatte vor dem Spiegel gestanden, den Rock gerafft, um zu sehen, wie die Linie der Hüfte verlief, und dann hatte er es hastig ausgezogen, das Herz bis zum Hals.
„Warum hast du nichts gesagt?“
„Weil ich warten wollte, bis du es selbst sagst. Und weil ich es schön fand.“ Sophie nahm seine Hand und legte sie auf das rote Dirndl. Der Stoff war fest, fast ein wenig rauh unter den Fingerspitzen, kein glatter Prunkstoff, sondern etwas, das nach Herbst und Wiesen roch, obwohl es neu war. „Zieh es an. Nur für uns. Nur jetzt.“
Er zögerte noch eine Atemlänge. Dann begann er, sich zu entkleiden.
Das Hemd zuerst. Die Hose. Die Socken. Er blieb in der Boxershorts stehen, unsicher, ob er auch die ausziehen sollte. Sophie schüttelte den Kopf. „Erst die Bluse.“
Die Bluse war weiß, aus festem Baumwollbatist, der Kragen klein und rund, die Ärmel mit einem elastischen Abschluss, der knapp über dem Ellenbogen saß. Als er sie über den Kopf zog, roch sie nach neuem Stoff und einem Hauch Lavendel, mit dem Sophie offenbar die Wäsche behandelt hatte. Der Stoff lag kühl auf seiner Brust. Die Knöpfe waren klein, perlmuttfarben, und seine Finger, die sonst Werkzeuge und Tastaturen gewohnt waren, wirkten plötzlich grob daran.
Sophie half ihm. Sie knöpfte von oben nach unten, ihre Knöchel streiften seine Haut. Als die Bluse geschlossen war, glättete sie den Stoff über seiner Brust. „Du hast breitere Schultern als ich. Das steht dir.“
Dann das Mieder. Das Rostrote. Sophie hielt es auf, und er schlüpfte hinein wie in eine enge Weste. Der Stoff umschloss den Rippenkorb sofort. Sophie begann zu schnüren, nicht brutal, sondern bestimmt, Zug um Zug. Mit jedem Zug rückte die Welt ein Stück näher an seinen Körper. Die Luft wurde knapper, aber nicht unangenehm. Es war eine andere Art zu atmen, höhere, bewusstere Atemzüge. Seine Taille, die er nie als besonders schmal empfunden hatte, trat unter dem Druck der Schnürung hervor. Der untere Rand des Mieders setzte sich fest auf die Hüftknochen.
„Zu fest?“, fragte sie.
„Nein.“ Die Stimme klang fremd in seinen eigenen Ohren, etwas höher, weil der Brustkorb nicht mehr dieselbe Weite hatte.
Der Rock folgte. Weit, schwerer als er gedacht hatte, der Stoff fiel in dichten Falten bis knapp unter das Knie. Als Sophie die Schürze band, einmal vorn, einmal hinten, mit jener präzisen Schleife, die auf der Wiesn links oder rechts gebunden wurde je nachdem, ob eine Frau vergeben war, band sie die Schleife auf die rechte Seite. „Für heute gehörst du mir“, sagte sie. Es war kein Scherz. Es war eine Feststellung.
Thomas trat vor den großen Spiegel im Schlafzimmer.
Der Mann, den er kannte, war nicht verschwunden. Die Kieferpartie war dieselbe, die Hände zu groß für die zierlichen Knöpfe, ein Schatten von Bartwuchs, den er am Morgen nicht gründlich genug entfernt hatte. Aber der Körper darunter war ein anderer geworden. Das Mieder teilte ihn, hob die Brust an, obwohl dort nichts war, das sich heben ließ, und ließ die Schultern zurücktreten. Der Rock bewegte sich, wenn er das Gewicht von einem Bein auf das andere verlagerte, ein leises, trockenes Geräusch von festem Baumwollgemisch, kein Seidensäuseln. Zwischen den Falten des Rocks zeichnete sich die Beule seiner Erregung ab, unübersehbar, fast unanständig in der sonst so sittsamen Tracht.
Sophie trat hinter ihn. Im Spiegel sah er, wie ihre Hände um ihn herumwanderten, über das Mieder, hinab auf den Rock, dort, wo der Stoff gespannt war. „Du bist schön“, sagte sie. „Nicht trotz. Sondern so.“
Er drehte den Kopf und küsste sie. Der Kuss war langsamer als sonst, weil das Mieder ihn daran hinderte, sich so weit vorzubeugen, wie er wollte. Die Einschränkung selbst wurde Teil der Erregung. Sophie spürte es. Ihre Hand blieb auf dem Rock, übte einen leichten, gleichmäßigen Druck aus, nicht reibend, nur haltend, als wolle sie die Härte unter dem Stoff vermessen.
„Nicht jetzt“, flüsterte sie gegen seinen Mund. „Zuerst sollst du dich darin bewegen. Durch die Wohnung gehen. Setzen. Aufstehen. Spüren, wie der Rock an den Waden streift.“
Er gehorchte. Es war das erste Mal, dass er in einem Dirndl durch Räume ging, die ihm vertraut waren. Der Flur. Die Küche. Der Türrahmen, an dem der weite Rock kurz hakte. Jede Bewegung erinnerte ihn daran, dass er nicht in Hosen steckte. Wenn er sich setzte, musste er den Rock glätten, sonst knitterte er unschön. Wenn er aufstand, fiel der Stoff in einer Bewegung, die er nur von Sophie kannte, diesem weichen, bestimmten Nachgeben der Falten.
Sophie beobachtete ihn von der Türschwelle aus, die Arme verschränkt, das Leinenhemd ein wenig verrutscht. In ihren Augen lag etwas, das Thomas nicht sofort benennen konnte. Stolz vielleicht. Oder Hunger.
Am Abend, als die Sonne hinter den Dächern verschwunden war und nur noch die warme Restglut auf den Ziegeln lag, zog sie ihn zurück ins Schlafzimmer. Sie ließ das Dirndl an. Sie knöpfte lediglich die Bluse oben auf, weit genug, um ihren Mund an seine Haut zu legen, dort, wo das Mieder den Ansatz der Brust einengte. Ihre Zähne waren vorsichtig. Ihre Hand wanderte unter den Rock.
Thomas stand, die Hände auf ihrer Schulter, und ließ geschehen. Der Stoff des Rocks lag schwer auf ihrem Handgelenk. Darunter war er nass, die Baumwolle der Boxershorts bereits durchfeuchtet. Sophie umschloss ihn nicht sofort. Sie strich nur, langsam, dem Verlauf folgend, als lerne sie ihn unter dem Dirndl neu kennen. Als sie ihn schließlich fester nahm, war die Bewegung durch den Stoff gedämpft und dadurch intensiver, weil nichts direkt Haut auf Haut war, außer ihren Fingern, die den Bund zur Seite schoben.
Er kam stehend, den Rücken gegen den Spiegel, das Mieder, das sich mit jedem Atemzug in die Rippen grub, den Rock, der sich vorne dunkel verfärbte. Sophie hielt ihn, bis der letzte Krampf vorüber war. Dann küsste sie die Stelle am Hals, wo sein Puls noch jagte.
„Das war der Anfang“, sagte sie. „Die Wiesn beginnt in sechs Tagen. Bis dahin lernst du, darin zu stehen, zu gehen und zu sitzen, ohne dass es jemand merkt. Und wenn jemand es merkt, lernst du, den Blick auszuhalten.“
Thomas sah sich im Spiegel an. Die Wangen waren gerötet, die Lippen feucht. Das rote Dirndl saß, als wäre es für diesen Körper gemacht worden, obwohl es das nicht war. Oder vielleicht doch.
2. Die Vorbereitungen

Die nächsten Tage waren eine eigene Art von Geheimdienst. Sophie bestellte eine zweite Bluse, diesmal mit etwas längeren Ärmeln, und ein Paar feine, matte Strümpfe in einem Hautton, der nicht nach Straps aussah, sondern nach der selbstverständlichen Schicht, die unter einem Dirndlrock gehört. Sie kaufte ihm Trachtenschuhe, nicht die derben Haferlschuhe, sondern etwas Schmaleres, mit einem leichten Absatz von vielleicht drei Zentimetern, genug, um den Gang zu verändern, nicht genug, um ihn auf der Straße umknicken zu lassen.
Jeden Abend nach der Arbeit, wenn die Wohnungstür ins Schloss fiel, begann die Stunde, die keinem von beiden gehörte und beiden.
Thomas rasierte sich gründlicher als sonst. Nicht nur das Gesicht. Die Beine, weil die Strümpfe sonst hakten. Die Brust, weil die Bluse dünn war und jedes Härchen einen Schatten warf. Sophie saß oft auf dem Bettrand und sah zu, ein Glas Wein in der Hand, die Beine übereinandergeschlagen. Sie korrigierte selten. Wenn sie etwas sagte, betraf es die Haltung.
„Die Schultern zurück. Nicht militärisch. Nur so, dass das Mieder die Arbeit machen kann.“
„Das Kinn nicht zu hoch. Du bist keine Prinzessin auf einem Plakat. Du bist jemand, der auf die Wiesn geht und weiß, wie man ein Dirndl trägt.“
Er lernte, die Schürze selbst zu binden. Der Knoten musste sitzen, ohne zu verrutschen, wenn man sich setzte. Er lernte, den Rock beim Hinsetzen mit einer Hand zu fassen, einem Schwung, den Frauen seit Jahrhunderten beherrschten und den er in fünf Abenden halbwegs nachahmte. Er lernte, dass ein Dirndl nicht nur ein Kleidungsstück war, sondern eine Reihe von Entscheidungen: wie tief die Bluse im Mieder saß, wie straff die Schnürung am oberen Rand, wie viel Stoff man beim Gehen mit der Hand leicht anhob, wenn man über eine Bordsteinkante stieg.
Einmal, am Mittwoch, als der Regen gegen die Scheiben prasselte und die Stadt nach nassem Asphalt und Kastanien roch, zog Sophie selbst ihr grünes Dirndl an. Sie half ihm in das rote. Dann tanzten sie in der Wohnung, ohne Musik zuerst, nur nach dem Rhythmus, den sie aus den Zelten kannten: eins-zwei-drei, der Körper folgt dem Takt der Blasmusik, auch wenn keine Kapelle da ist. Der weite Rock seines Dirndls stieß gegen ihren. Die Schürzen raschelten gegeneinander. Als sie innehielten, standen sie Stirn an Stirn, außer Atem, obwohl sie kaum mehr getan hatten als sich im Kreis zu drehen.
„Auf der Wiesn wird es enger sein“, sagte Sophie. „Die Bänke. Die Menschen. Jemand wird an dir vorbeistreifen. Jemand wird den Rock berühren, ohne es zu wollen. Du wirst spüren, dass du anders angezogen bist als alle Männer um dich herum, und du wirst trotzdem dort sitzen und dein Bier trinken.“
„Und wenn jemand fragt?“
„Dann lächelst du. Oder ich antworte. Je nachdem, wie mutig du an dem Abend bist.“
Donnerstagnacht, eine Nacht bevor die großen Zelte öffneten, lag er noch angezogen auf dem Bett, das Mieder gelockert, aber nicht geöffnet, der Rock bis zu den Hüften hochgeschoben. Sophie kniete zwischen seinen Beinen. Sie hatte die Strümpfe nicht ausgezogen. Der matte Stoff spannte sich über seinen Waden, und wo ihre Hände ihn hielten, blieb eine Wärme, die länger anhielt als die Berührung selbst.
Sie nahm ihn in den Mund, langsam, mit jener Aufmerksamkeit, die sie an den Abenden entwickelt hatte, an denen das Dirndl zwischen ihnen lag wie ein dritter Körper. Der Rock fiel ihr über die Schultern. Manchmal streifte der Saum ihr Haar. Thomas hielt sich am Kopfende fest, weil das Mieder ihm nicht erlaubte, sich frei zu wölben. Die Enge wurde zum Takt. Jedes Mal, wenn er einatmete, presste der Stoff gegen die Rippen, und der Druck mischte sich mit dem nassen, warmen Zug ihres Mundes.
Als er kam, ließ sie ihn nicht heraus. Sie schluckte, wischte sich den Mundwinkel mit dem Handrücken ab, wie jemand, der nach einem kräftigen Schluck Bier den Schaum entfernt, und legte den Kopf auf seinen Oberschenkel, den Rock als Decke über ihnen beiden.
„Morgen“, sagte sie. „Wir gehen nicht gleich ins größte Zelt. Zuerst das kleine, hinten bei den Ständen. Dort, wo die Einheimischen sitzen, die keine Lederhose mehr brauchen, um zu beweisen, dass sie dazugehören.“
Thomas strich ihr über das Haar. Unter seinen Fingern war der Stoff der Schürze, dann ihre Wärme. Er dachte an die Theresienwiese, an die Lichter, an den Lärm, und daran, dass er zum ersten Mal nicht als Mann in Jeans dort auftauchen würde, sondern als jemand, den man auf den zweiten Blick zweimal ansehen musste.
Die Angst war da. Aber sie war nicht mehr allein. Neben ihr lag etwas anderes, das nach Rostrot roch und nach festgezogener Schnürung und nach Sophies Mund.
3. Erster Tag auf der Wiesn
Der Samstag begann mit einem Himmel, der sich nicht entscheiden wollte. Wolkenfetzen über der Bavaria, dazwischen ein hartes, klares Blau. Thomas stand um halb zehn im Bad und rasierte sich zum zweiten Mal. Sophie hatte ihm gezeigt, wie man Concealer aufträgt, nur dort, wo der Bartschatten trotz Rasur einen bläulichen Schimmer hinterließ. Kein volles Make-up. Kein Lippenstift. Nur so viel, dass das Gesicht im Licht der Zelte nicht sofort die Geschichte erzählte, bevor jemand sie lesen wollte.
Das Dirndl lag bereit. Diesmal zog er es selbst an, Schritt für Schritt, in der Reihenfolge, die sie geübt hatten. Strümpfe. Bluse. Mieder. Sophie schnürte, fester als in der Wohnung, weil draußen Wind war und weil ein lockeres Mieder auf der Wiesn wie eine unerledigte Arbeit aussah. Der Rock. Die Schürze, rechts gebunden. Die Schuhe.
Als er fertig war, reichte sie ihm eine dünne Strickjacke in einem unauffälligen Beige, lang genug, um die Linie der Schultern etwas zu brechen, nicht lang genug, um das Dirndl zu verstecken. „Falls dir kalt wird. Oder falls du einen Moment brauchst.“
Sie selbst trug das grüne. Zusammen im Flur, vor der Wohnungstür, sahen sie aus wie zwei Frauen, die zum Fest gingen. Fast. Thomas’ Hände, die er nicht wusste wohin mit ihnen. Die Art, wie er noch immer mit den Füßen etwas zu fest auftrat.
„Atme“, sagte Sophie. „Und denk daran: Die Hälfte der Menschen dort sieht nur das Dirndl und das Bier. Die andere Hälfte ist selbst zu betrunken, um genau hinzusehen.“
Die U-Bahn war voll. Sie standen, eine Stange zwischen ihnen. Jedes Mal, wenn der Wagen ruckte, bewegte sich der Rock. Thomas spürte Blicke, oder bildete sie sich ein. Ein älterer Mann mit Gamsbart musterte ihn länger als höflich war, dann wandte er sich ab und sagte etwas zu seiner Frau, das im Fahrgeräusch unterging. Ein Mädchen im Teenageralter grinste in ihr Handy. Sophie hakte sich bei ihm unter, fest, als gehöre diese Geste schon immer so.
Die Theresienwiese schlug ihnen entgegen wie eine zweite Stadt. Der Geruch zuerst: gegrillte Hendl, süße Mandeln, vergorenes Bier, das schon am Vormittag aus den Zelten quoll, Staub, der sich mit dem Fett der Buden vermischte. Dann der Lärm. Blech. Stimmen. Das ferne mechanische Kreischen eines Fahrgeschäfts. Sophie führte ihn nicht durch die Hauptwege, sondern seitlich, an den kleineren Ständen vorbei, dort, wo die Holztische im Freien standen und die Menschen noch Platz hatten, die Beine unter den Tisch zu strecken.
Sie fanden einen Platz am Rand eines der kleineren Zelte, nicht anonym, aber auch nicht im Zentrum. Thomas setzte sich, den Rock glättend, wie geübt. Das Holz der Bank war rau durch den Stoff. Als er die Beine übereinanderschlug, spürte er den Strumpf an der Wade, die ungewöhnliche Enge am Knie, und darunter, unvermeidlich, die Erregung, die seit dem Anziehen nicht vollständig nachgelassen hatte. Sie war kein steiler Stachel mehr, sondern ein dumpfer, warmer Druck, den das Mieder und der Rock gemeinsam in Schach hielten.
Sophie bestellte zwei Maß. Als das Mädchen mit den Krügen kam, stellte sie sie auf den Tisch, ohne Thomas länger anzusehen als irgendjemand anderen. Das war eine Erleichterung so groß, dass ihm kurz schwindelig wurde.
Sie tranken. Das Bier war schwer und süßlich, genau richtig für den Vormittag. Sophie erzählte von einer Kollegin, von einem Projekt, das sich verzögerte, ganz alltägliche Dinge, und Thomas hörte zu und antwortete und merkte, dass er in der Lage war, ein Gespräch zu führen, während unter dem Tisch der Rock über seinen Knien lag und jeder seiner Sitznachbarn, hätte er die Hand nur ein Stück zur Seite bewegt, den Stoff berührt hätte.
Nach der zweiten Maß stand eine Kapelle auf der kleinen Bühne und spielte etwas, das zwischen Marsch und Walzer schwankte. Sophie zog ihn hoch. „Nur einmal. Hier vorn ist kaum Platz. Niemand achtet auf die Füße.“
Tanzen in einem Dirndl war etwas anderes als in der Wohnung. Der Rock hatte Eigengewicht. Er folgte der Drehung verzögert, dann holte er auf und schlug gegen Sophies Rock. Thomas’ rechte Hand lag auf ihrem Rücken, wo das Mieder endete und der Stoff weicher wurde. Ihre linke Hand lag auf seiner Schulter, fest, steuernd. Zwischen ihnen der Geruch von Bier, von ihrem Parfum, von seinem eigenen Schweiß, der sich unter der Bluse sammelte, dort, wo das Mieder nicht nachgab.
Ein Mann im Nachbartanz rief etwas Freundliches, ein Kompliment für „die beiden Madeln“, und Sophie lachte und rief etwas zurück im bairischen Tonfall, den sie aufsetzen konnte, wenn sie wollte. Thomas lächelte nur. Das Lächeln fühlte sich richtig an. Es gehörte zu dem Gesicht, das Concealer trug und zu dem Körper, der geschnürt war.
Sie tanzten drei Stücke. Als sie sich setzten, war Thomas’ Herzschlag nicht mehr nur von der Bewegung hoch. Unter dem Rock war alles eng und feucht. Sophie bemerkte es, natürlich bemerkte sie es. Ihre Hand wanderte unter dem Tisch an seinen Oberschenkel, blieb dort, ein stilles Versprechen.
Am Nachmittag, als die Sonne durch die Wolken brach und die Zeltplanen in ein hartes Weiß tauchte, gingen sie zu den Toiletten. Die Schlange der Dametoilette war lang. Sophie sah ihn an.
„Du kannst zur Herrentoilette. Oder du kommst mit mir und wir warten.“
Er ging mit ihr. In der Schlange standen Frauen jeden Alters, Dirndl in allen Farben, manche bereits mit gelösten Haaren, manche noch steif frisiert. Niemand sprach ihn an. Eine Frau vor ihnen klagte über die Schuhe. Eine andere erzählte von einem verlorenen Handy. Thomas stand da, den Rock leicht mit den Fingern fassend, damit er nicht in eine Pfütze geriet, und begriff, dass Unsichtbarkeit nicht bedeutete, nicht gesehen zu werden. Sie bedeutete, in einer Kategorie gesehen zu werden, die man ihm nicht sofort absprach.
In der Kabine, zu zweit, was gegen jede Regel war und trotzdem geschah, weil Sophie die Tür festzuziehen verstand, küsste sie ihn, hart, nach Bier schmeckend. Ihre Hand schob den Rock hoch, fand den Bund, fand ihn. Es war eng, unbequem, die Kabinenwand drückte gegen seine Schulter, das Mieder erlaubte ihm kaum, den Kopf zurückzulegen. Sie rieb ihn nur, schnell, zielgerichtet, bis er die Zähne zusammenbiss, um keinen Laut zu machen, der über die Trennwand gegangen wäre. Als er kam, fing sie es mit einem Taschentuch auf, das sie bereits in der Schürze gehabt hatte, als hätte sie genau damit gerechnet.
„So“, flüsterte sie. „Jetzt kannst du noch zwei Stunden sitzen.“
Sie taten es. Sie aßen eine Brezn, dann ein halbes Hendl, das Fett glänzte auf Sophies Lippen und, als sie ihm ein Stück reichte, auf seinen. Der Nachmittag kippte langsam in den frühen Abend. Die Lichter gingen an, zuerst unsicher, dann entschlossen. Irgendwo begann eine größere Kapelle mit einem Lied, das alle mitgrölten.
Auf dem Heimweg in der U-Bahn lehnte Thomas den Kopf gegen die Scheibe. Das eigene Spiegelbild war unscharf: Haar, das Sophie ihm am Morgen mit einem Gel in eine weichere Form gebracht hatte, der Ausschnitt der Bluse, das Rostrot. Sophie hielt seine Hand unter dem Jackenärmel.
Zu Hause löste sie die Schnürung langsam. Jeder gelöste Zug war eine Rückkehr und ein Verlust zugleich. Als das Mieder fiel, atmete er so tief, als hätte er den ganzen Tag unter Wasser verbracht. Sophie küsste die roten Abdrücke, die die Kanten auf seiner Haut hinterlassen hatten, eine nach der anderen, während der Rock noch um seine Hüften lag.
„Du hast es geschafft“, sagte sie. „Und du willst wieder hin.“
Es war keine Frage.
4. Die Mitte der Woche
Dienstag war der ruhigere Tag, sagten die, die es wissen mussten. Weniger Touristengruppen, mehr Münchner, die ihren Urlaubstag opferten. Sophie hatte frei genommen. Thomas hatte sich krankgemeldet, was er seit Jahren nicht getan hatte und was sich anfühlte wie ein weiterer, kleiner Betrug, der in Wahrheit keiner war.
Sie gingen früher. Diesmal ohne die Strickjacke. Das Wetter hielt. Thomas trug unter dem Rock nichts außer den Strümpfen und einem schmalen, hautfarbenen Slip, den Sophie am Montag gekauft hatte, eng genug, um zu halten, dünn genug, um unter dem Stoff fast zu verschwinden – außer wenn er hart wurde, was er wurde, sobald sie das Haus verließen.
Sie setzten sich ins Augustiner, nicht ganz vorn, aber auch nicht versteckt. Ein älteres Paar am Nachbartisch nickte ihnen zu. Die Frau trug ein Dirndl in einem Blaugrau, das Mieder mit silbernen Ösen. Ihr Mann hatte eine Weste über dem Hemd, keine Lederhose. Sie redeten über das Wetter, über die Preise, über eine Enkelin, die nächstes Jahr das erste Mal mitdürfte.
„Ihre Freundin hat ein schönes Dirndl“, sagte die Frau zu Sophie, und meinte Thomas.
Sophie lächelte. „Ja. Es steht ihr.“
Thomas spürte, wie ihm die Farbe ins Gesicht stieg, und senkte den Blick auf den Krug. Das Wort Freundin lag auf dem Tisch zwischen den Breznkörben. Es war falsch und richtig zugleich. Er trank einen großen Schluck, und das kalte Bier dämpfte die Hitze nur wenig.
Später, als das Paar gegangen war, legte Sophie die Hand auf seinen Oberschenkel, diesmal nicht versteckt. „Sag es“, bat sie. „Nur zu mir. Was du bist, während du das trägst.“
Er brauchte eine Weile. Die Kapelle spielte etwas langsames. Um sie herum lachten Leute.
„Ich bin nicht sie“, sagte er schließlich. „Ich bin ich. Aber in diesem Stoff bin ich jemand, der gesehen werden darf, ohne dass ich erklären muss, warum ich so dastehe. Ich bin… weicher. Und gleichzeitig genauer. Jede Bewegung hat ein Gewicht.“
Sophie nickte, als hätte sie genau das erwartet. „Und sexuell?“
Er sah sie an. „Es ist, als wäre der ganze Körper eine einzige Stelle. Nicht nur dort unten. Das Mieder. Die Stelle, wo der Rock auf den Strümpfen liegt. Deine Hand jetzt. Alles gehört zusammen.“
Sie küsste ihn, kurz, öffentlich, auf den Mund. Jemand pfiff anerkennend von einem anderen Tisch. Sophie hob das Glas in die Richtung, ohne hinzusehen.
Am Nachmittag verließen sie das Zelt und gingen über die Wiese, vorbei an den Ständen mit den Lebkuchenherzen, den Hüten, den billigen Schmuckketten. Thomas blieb vor einem Stand stehen, an dem handbestickte Schürzen hingen. Sophie kaufte ihm eine, schmaler als die, die er trug, mit einem Muster aus kleinen Enzianen. Sie wechselten die Schürze gleich dort, seitlich am Stand, während der Verkäufer höflich wegsah. Die neue Schleife band Sophie wieder rechts.
„Damit du etwas Eigenes hast“, sagte sie. „Nicht nur meines in einer anderen Farbe.“
Abends, zurück in der Wohnung, duschten sie nicht sofort. Sophie kniete erneut vor ihm, diesmal auf dem Teppich des Wohnzimmers, das Dirndl noch vollständig geschlossen. Sie schob nur den Rock nach hinten, den Slip zur Seite, und nahm sich Zeit. Thomas stand am Fenster, die Stirn gegen das Glas, unten auf der Straße gingen Menschen mit Maßkrügen aus Plastik nach Hause, und er kam mit offenen Augen, den Blick auf die erleuchteten Fenster gegenüber gerichtet, während Sophies Mund ihn hielt und der Stoff des Mieders sich in jede Rippe druckte.
Danach lag er auf dem Sofa, halb ausgezogen, das Mieder offen, die Bluse zerknittert. Sophie strich ihm über den Bauch, dort, wo die Haut noch die Abdrücke der Stäbchen zeigte.
„Donnerstag“, sagte sie. „Dann gehen wir abends. Wenn die Zelte voller sind. Wenn es darauf ankommt, ob du den Blick aushältst.“
Er schloss die Augen. Der Geruch von festem Stoff, Bier und ihrer Haut lag über ihm wie eine zweite Decke.
5. Donnerstagnacht

Donnerstagabend war die Wiesn eine andere Veranstaltung. Die Wege zwischen den Zelten waren Flüsse aus Körpern. Musik schlug aus jeder Öffnung. Das Licht war gelb und unerbittlich. Sophie hatte Thomas an diesem Abend Lippenstift aufgetragen, ein gedämpftes Rosenholz, nichts Schreiendes, aber genug, dass der Mund eine andere Form bekam. Einen Hauch Wimperntusche. Die Haare hatte sie ihm mit Nadeln seitlich weggesteckt, sodass der Nacken frei lag.
Sie gingen ins Hacker-Festzelt. Es war laut genug, dass Gespräche nur noch aus Mundbewegungen und gestischen Brocken bestanden. Sie fanden zwei Plätze am Ende einer Bank, eingekeilt zwischen einer Gruppe aus Augsburg und zwei Frauen aus Köln, die bereits heiser waren vom Singen.
Thomas trank langsamer als sonst. Jeder Schluck musste durch das Mieder. Die Enge war an diesem Abend kein Hintergrund mehr, sie war die Bühne. Unter dem Rock trug er wieder nur den Slip und die Strümpfe. Sophie hatte ihm gesagt, er solle die Hände über dem Tisch lassen. Sichtbar. Ruhig.
Eine der Frauen aus Köln beugte sich vor. „Tolles Dirndl! Woher hast du das?“ Sie sprach Thomas an.
Sophie antwortete für ihn, dann ließ sie ihn selbst antworten. Er nannte den Laden in der Sendlinger Straße, den Sophie tatsächlich aufgesucht hatte. Die Frau nickte anerkennend. „Steht dir richtig gut. Die Farbe.“
„Danke.“ Das Wort kam rau. Die Frau lächelte und wandte sich wieder ihrer Freundin zu. Nichts war passiert. Alles war passiert.
Später tanzten sie in der Menge. Es war kein Platz für große Schritte. Man wog sich, Brust gegen Brust, Rock gegen Rock. Jemand hinter Thomas presste sich kurz gegen ihn, ein Mann in Lederhose, der den Takt verloren hatte. Die Berührung dauerte zwei Sekunden. Der Mann murmelte eine Entschuldigung, die im Lärm unterging, und seine Hand streifte dabei den Saum des Rocks. Thomas zuckte zusammen, nicht aus Ekel, sondern weil die Erregung so plötzlich anschwoll, dass ihm schwarz vor Augen wurde.
Sophie sah es. Sie zog ihn von der Tanzfläche, nicht nach draußen, sondern in den schmalen Gang zwischen Zeltwand und den Versorgungsboxen, dort, wo das Personal hindurchging und der Lärm eine Mauer war. Sie drückte ihn gegen eine Palette voller leerer Kästen. Der Rock raschelte. Ihre Hand war sofort unter dem Stoff.
„Hier nicht“, keuchte er.
„Doch. Genau hier. Weil du es aushältst.“
Sie rieb ihn durch den Slip, fest, im Takt der fernen Kapelle. Thomas biss sich auf die Unterlippe, schmeckte Lippenstift und Blut. Ein Kellner kam vorbei, sah sie an, grinste kurz und ging weiter, als wäre das die normalste Szene der Nacht. Vielleicht war sie es.
Thomas kam mit einem Laut, den die Musik schluckte. Sophie wischte ihre Hand an der Innenseite seines Rocks ab, eine Geste so beiläufig und so intim, dass ihm die Knie weich wurden.
„Jetzt zurück“, sagte sie. „Wir bleiben noch eine Stunde. Du setzt dich und du lächelst.“
Er tat es. Die Stunde war die längste und die kürzeste seines Lebens. Jedes Mal, wenn jemand an der Bank vorbeistreifte, bewegte sich der Rock. Jedes Mal erinnerte ihn der feuchte Stoff dazwischen daran, was gerade geschehen war. Sophie unterhielt sich mit den Kölnerinnen über Züge und Hotels. Thomas nickte an den richtigen Stellen. Unter dem Tisch berührten sich ihre Knie.
Nach Mitternacht, auf dem Weg zur U-Bahn, hielt Sophie ihn an einer weniger belichteten Stelle zwischen zwei Buden fest und küsste den Lippenstift von seinem Mund, langsam, als wolle sie ihn ihm wieder geben und gleichzeitig nehmen.
Zu Hause, im Licht der Nachttischlampe, zog sie ihm das Dirndl nicht aus. Sie öffnete nur das Mieder weit genug, um ihre Brüste dagegen zu pressen, Haut gegen die Abdrücke der Stäbchen, und sie ritt ihn, den Rock über ihnen beiden ausgebreitet wie ein Zelt im Zelt. Der Stoff raschelte bei jeder Bewegung. Thomas hielt ihre Hüften und den Saum zugleich. Als sie kam, vergrub sie das Gesicht an seinem Hals und sagte seinen Namen, dann einen anderen, weicheren, den sie in den vergangenen Tagen manchmal benutzt hatte, wenn er angezogen war, einen Namen, der nur in dieser Kleidung existierte.
Er kam kurz darauf, noch in ihr, den Kopf hinten im Kissen, das Mieder offen, die Welt auf die Größe eines rostroten Rocks geschrumpft.
6. Der letzte Wiesn-Sonntag
Der letzte Sonntag war klar und schon ein wenig zu kühl für bloße Blusenärmel. Sie gingen trotzdem. Thomas trug diesmal unter dem Dirndl ein kurzes, warmes Unterkleid aus Baumwolle, das Sophie ihm gegönnt hatte, weil der Wind über die Wiese strich. Es änderte das Gefühl. Der Rock lag nicht mehr direkt auf den Strümpfen. Dazwischen war eine weitere Schicht, eine Geheimschicht, die nur sie beide kannten.
Sie saßen lange. Sie aßen zu viel. Sie hörten derselben Kapelle zu, die sie am ersten Tag gehört hatten, und es kam ihnen vor, als wäre eine ganze Jahreszeit vergangen. In gewisser Weise war sie das.
Am Nachmittag, als die Sonne schräg durch die Zeltöffnung fiel und den Staub gold machte, sagte Sophie: „Nächstes Jahr kaufen wir dir ein eigenes. Nicht nur die Schürze. Das ganze Dirndl. Nach Maß. Damit das Mieder nicht meine Maße nachahmt, sondern deine.“
Thomas sah sie an. In ihrem Gesicht lag keine Spur von Scherz.
„Und die Schleife?“, fragte er.
„Rechts“, sagte sie. „Immer rechts. Solange wir das so wollen.“
Sie gingen nicht mehr tanzen. Sie saßen und hielten Hände über dem Tisch, ganz öffentlich, zwei Menschen im Dirndl, von denen einer eine Geschichte unter dem Stoff trug, die nicht jeder lesen musste, damit sie wahr war.
Als sie am Abend nach Hause kamen, löste Sophie die Schnürung zum letzten Mal in dieser Wiesn. Sie küsste jede Spur, die das Mieder hinterlassen hatte, und dann, als er nackt vor ihr stand, nur noch mit den Strümpfen, sagte sie: „Zieh es morgen noch einmal an. Nur für uns. Nicht weil ein Fest ist. Sondern weil du es willst.“
Er wollte.
In der Nacht lag das rote Dirndl über dem Stuhl, die Schürze daneben, die Enzianschleife noch gebunden. Durch das offene Fenster kam der ferne Lärm der abbausenden Buden, ein Hämmern, ein Rufen, das Ende einer Saison. Thomas hörte zu und fühlte Sophies Atem an seiner Schulter und wusste, dass einige Dinge, die in einem Zelt begonnen hatten, nicht mit dem Zelt enden würden.
7. Nach der Wiesn
Oktober kam schnell. Die Kastanien auf der Prinzregentenstraße wurden braun. In der Wohnung hing das Dirndl nicht mehr im Schrank hinter Sophies Sachen, sondern an einer eigenen Stange, die sie in der Ecke des Schlafzimmers angebracht hatte, als wäre das die selbstverständlichste Einrichtung der Welt.
Sie benutzten es nicht jeden Tag. Das wäre eine andere Geschichte gewesen, eine der Besessenheit, und das waren sie nicht. Aber an manchen Freitagabenden, wenn die Woche schwer gewesen war und der Regen gegen die Scheiben tat, holte Sophie es hervor. Manchmal nur die Bluse und das Mieder über einer Hose, ein Kompromiss für den Fall, dass jemand klingelte. Manchmal alles, einschließlich der Schuhe, und dann gingen sie nicht hinaus, sondern kochten in der Küche, tranken Wein, und Thomas spürte bei jeder Bewegung den Rock an den Waden und begriff, dass das Fest nur der Anlass gewesen war, nicht die Bedingung.
Einmal, Mitte Oktober, gingen sie auf den Auer Dult. Kein Dirndl diesmal, zu auffällig zwischen den Alltagsjacken. Aber unter Thomas’ Jeans trug er die Strümpfe, und Sophie wusste es, und jedes Mal, wenn sie im Gedränge seine Hand nahm, strich ihr Daumen über seinen Handrücken, als erinnere sie ihn an eine Schicht, die niemand sonst sah.
Im November, als die erste Kälte kam, lag er eines Abends in ihrem grünen Dirndl auf dem Bett, weil das rote in der Wäsche war. Das Grün stand ihm anders. Dunkler. Sophie fotografierte ihn nicht. Sie setzte sich nur neben ihn und sah ihn lange an, mit jener Ruhe, die am Anfang gefehlt hatte, als noch Scham zwischen ihnen gelegen hatte wie ein dritter Partner.
„Ich habe dich geliebt, bevor ich das wusste“, sagte sie. „Jetzt liebe ich auch den Teil, der das hier anziehen will. Es ist nicht weniger von dir. Es ist mehr.“
Er drehte sich zu ihr. Das Mieder knackte leise in einer Naht. „Und wenn es irgendwann nicht mehr reicht? Wenn ich mehr will – draußen, öfter, anders?“
Sophie überlegte. Der Regen klopfte. „Dann reden wir. Wie wir über alles andere reden. Du bist nicht allein damit. Du warst es nie, auch als du dachtest, du wärst es.“
Sie schlief an diesem Abend an seiner Seite ein, eine Hand auf dem Mieder, als müsse sie sich vergewissern, dass der Körper darunter noch atmete, noch derselbe war, nur anders gefasst.
Thomas wachte später auf, das Zimmer dunkel, das Dirndl zerknittert. Er stand auf, leise, und trat vor den Spiegel. Im Mondlicht, das durch die Lücke der Vorhänge fiel, war das Grün fast schwarz. Er sah jemanden, der nicht mehr weglaufen musste vor dem eigenen Spiegelbild. Die Angst war nicht verschwunden. Sie hatte nur Platz gemacht.
Er legte sich wieder. Sophie murmelte etwas im Schlaf und rückte näher. Unter dem gemeinsamen Federbett lag der Rock, ein warmes, festes Extra, und irgendwo in der Stadt wurden bereits die ersten Pläne für die nächste Wiesn geschmiedet, Zeltvergaben, Kapellenlisten, der ewige Streit um die Preise.
Thomas dachte an ein Dirndl nach Maß. An eine Schürze mit Enzianen. An eine Schleife, die rechts saß. An Sophies Hände, die schnürten. An den Lärm eines Zeltes und an die Stille einer Wohnung, in der ein Mann in einem Kleid atmen durfte, ohne sich erklären zu müssen.
Draußen zog der Wind über die Dächer des Glockenbachviertels. Irgendwo lachte jemand auf der Straße. In der Wohnung roch es nach festem Stoff und nach dem Menschen, der ihn trug, und nach dem Menschen, der ihn daran gelassen hatte.
Das war keine kleine Sache.
Das war ihre Sache.
8. Der Laden in der Sendlinger Straße

Es war ein Dienstag Ende September, die Wiesn noch in vollem Gang, als Sophie ihn in den Laden zog, den sie am Donnerstag im Zelt erwähnt hatte. Von außen sah er aus wie viele Trachtenläden in der Altstadt: dunkles Holz, ein Schaufenster mit unbewegten Puppen in Mieder und Lederhose, ein Glöckchen über der Tür, das zu hell klang für das, was Thomas empfand, als er eintrat.
Drinnen roch es nach Wolle, nach neuem Leder, nach dem leicht säuerlichen Duft von Appretur. Eine Frau Mitte fünfzig kam hinter einem Vorhang hervor, maß sie beide mit einem Blick, der Übung verriet, und lächelte Sophie zuerst an. „Guten Tag. Suchen Sie etwas Bestimmtes?“
„Ein Dirndl“, sagte Sophie. „Für ihn.“
Die Stille dauerte einen Herzschlag länger als höflich. Dann nickte die Frau, als hätte jemand nach einem Paar Socken gefragt. „Größe? Und Anlass?“
Thomas hörte sich antworten. Seine Stimme war fest, überraschenderweise. „Etwas, das man auf der Wiesn tragen kann, ohne dass es kostümiert wirkt. Und etwas für zu Hause.“
Die Frau – sie stellte sich als Frau Huber vor – führte sie in einen hinteren Raum, der nicht für das Schaufenster bestimmt war. Dort hingen Stoffe in Bahnen, Mieder auf Büsten, Schürzen über Stangen. Sie ließ Thomas auf einem Hocker Platz nehmen und nahm Maß, nicht anders, als sie es bei jeder Kundin getan hätte: Brust, Taille, Hüfte, Rückenlänge, Armlänge. Das Maßband war kühl. Wenn es über sein Brustbein glitt, zog sich etwas in ihm zusammen, das nichts mit Kälte zu tun hatte.
Sophie saß auf einem Stuhl an der Wand und sah zu. Ihre Beine waren übereinandergeschlagen. In ihrem Gesicht lag Konzentration, nicht Belustigung.
Frau Huber sprach, während sie notierte. „Die Schultern sind breiter. Wir arbeiten mit einem etwas stärkeren Miederstab und einer anderen Teilung vorn, damit die Bluse nicht spannt. Die Taille können wir betonen, ohne zu quetschen. Wollen Sie klassisch oder etwas tiefer im Ausschnitt?“
Thomas sah Sophie an. Sophie sagte: „Klassisch. Aber die Bluse darf etwas mehr zeigen, wenn das Mieder sitzt.“
Sie blätterten durch Stoffproben. Thomas berührte Leinen, Mischgewebe, einen festen Baumwollsatin, der das Licht schluckte statt es zu werfen. Kein Seidenglanz. Er wählte ein gedämpftes Pflaumenblau, fast schwarz im Schatten, und eine Schürze in warmem Leinenbeige mit einer Stickerei aus kleinen Gerstenähren, kaum sichtbar, nur wenn man sehr nah heranging.
„Anprobe in zehn Tagen“, sagte Frau Huber. „Schnürung zeigen wir Ihnen. Ein Dirndl, das nicht sitzt, ist nur ein teures Kleid.“
Auf dem Nachhauseweg sagte Thomas nichts lange. Sophie hakte sich unter. In der Residenzstraße blieb er stehen, zog sie in einen Hauseingang und küsste sie, fest, mit einer Dringlichkeit, die den Nachmittag im Laden in den Körper holte. Das Maßband war noch auf seiner Haut, unsichtbar.
„Ich habe mich nicht geschämt“, sagte er gegen ihren Mund. „Das ist das Seltsame.“
„Das ist das Gute“, antwortete sie.
9. Anprobe
Zehn Tage später stand er hinter einem Vorhang aus schwerem Stoff, während Frau Huber die Nadeln setzte. Das pflaumenblaue Dirndl war noch nicht fertig gesäumt, aber das Mieder saß bereits so, als kenne es seinen Brustkorb seit Jahren. Die Stäbchen lagen anders als bei Sophies rotem. Sie folgten seiner Form statt einer angenommenen Frauenform. Die Taille war betont, ja, aber der Übergang zu den Schultern war ehrlicher.
Als Frau Huber die Schürze band, trat Sophie vor den Spiegel, der die ganze Wand einnahm. Drei Thomas’ sahen ihr entgegen, leicht versetzt.
„Die Schleife“, sagte Frau Huber sachlich. „Rechts bedeutet vergeben. Links frei. In der Mitte Witwe, wenn man es ganz genau nimmt, aber das macht heute kaum noch jemand.“
„Rechts“, sagten Sophie und Thomas gleichzeitig.
Frau Huber lächelte das erste Mal wirklich. „Dann sitzt sie rechts.“
Nach der Anprobe, in einem Café am Viktualienmarkt, saß Thomas noch in seiner Alltagsjacke und spürte trotzdem das Phantom des Mieders. Sophie teilte ein Stück Apfelstrudel. Der Zucker blieb an ihrer Unterlippe kleben. Er wischte ihn mit dem Daumen weg und dachte daran, dass in zwei Wochen ein Kleidungsstück in ihrer Wohnung hängen würde, das seinen Namen nicht trug und trotzdem seines war.
„Was macht das mit uns?“, fragte er.
Sophie schob den Teller zur Seite. „Es macht uns genauer. Ich sehe dich, wenn du es trägst, und ich sehe dich, wenn du es nicht trägst, und beides ist wahr. Manche Paare brauchen ein Kind, um das zu lernen, oder eine Krise. Wir haben ein Dirndl.“
Er lachte, leise, und das Lachen löste etwas in der Brust, das seit der ersten Schnürung festgesessen hatte.
10. Ein Abend nur in der Wohnung
Der Novemberregen hatte die Stadt auf eine einzige Tonlage gebracht: grau, nass, die Laternen mit Lichthöfen. Sophie hatte das neue Dirndl aus der Tüte geholt, noch mit den Seidenpapierlagen dazwischen, obwohl der Stoff kein Seide war. Pflaumenblau. Die Ähren auf der Schürze.
Sie zogen sich nicht sofort an. Zuerst aßen sie, einfach, Brot und Käse und einen Wein, der nach dunklen Beeren schmeckte. Das Dirndl hing über der Stuhllehne und war trotzdem anwesend wie ein Gast, der höflich wartet.
Danach wusch Sophie das Geschirr, und Thomas stand hinter ihr, die Hände unter ihrem Pullover auf dem warmen Bauch. „Jetzt“, sagte sie.
Das Anziehen war langsamer als auf der Wiesn. Niemand wartete. Die U-Bahn fuhr ohne sie. Er zog die Strümpfe an, diesmal dunklere, fast taupe, und Sophie glättete sie über seinen Waden mit beiden Händen, vom Knöchel aufwärts, eine Bewegung, die nichts Eiliges hatte und gerade deshalb unter die Haut ging. Die Bluse. Das Mieder. Sie schnürte nicht so fest wie auf der Wiese. Es blieb Luft, aber die Luft hatte eine Form.
Als der Rock fiel, trat er zum Fenster. Unten ging eine Frau mit einem Hund vorbei, der Hund hob das Bein an einem Laternenpfahl, die Frau zog die Kapuze tiefer. Niemand sah hinauf. Thomas hob den Rock ein Stück, sah die Linie der Strümpfe, den Ansatz des Oberschenkels, und ließ den Stoff wieder fallen.
Sophie trat hinter ihn. Im Glas des Fensters waren sie beide nur Schatten. Ihre Hände fanden die Schürze, dann den Bund darunter. Sie sprach nicht. Sie öffnete den Slip nicht sofort. Sie ließ die Hand einfach dort liegen, wo die Wärme sich sammelte, ein Druck, der nicht forderte, nur erinnerte.
Später, auf dem Teppich, der Rock über seinem Rücken wie eine Decke, küsste sie den Rand des Mieders, dort, wo Stoff und Haut sich stritten. Thomas lag auf dem Bauch, die Wange auf dem Unterarm, und spürte, wie sie den Rock hochschob, Zentimeter um Zentimeter, bis die kühle Luft des Zimmers seine Schenkel erreichte. Ihre Lippen folgten. Nicht zielgerichtet zuerst. Nur die Innenseite des Knies. Die Stelle, wo der Strumpf endete. Die weiche Haut darüber.
Als ihr Mund ihn schließlich fand, war er schon so weit, dass ihm die Arme zitterten. Das Mieder hielt den Brustkorb fest, während alles darunter nachgab. Sophie nahm sich Zeit, ließ ihn nah heran und wieder zurück, bis der Teppich unter seinen Fingern sich wölbte und er ihren Namen sagte, dann nichts mehr, nur Laut.
Danach blieb das Dirndl an. Sie lagen auf der Seite, löffelnd, der weite Rock über beiden Hüften. Sophie atmete in seinen Nacken. „Das ist kein Spiel, das man wegräumt, wenn die Saison vorbei ist“, murmelte sie. „Ich will, dass du das weißt.“
„Ich weiß es“, sagte er. Die Worte waren klein und reichten.
11. Was die Nachbarn nicht sehen
Im Haus wohnten unter ihnen eine Studentin, über ihnen ein älteres Ehepaar, das jeden Sonntag den Radiowecker um sieben klingen ließ. Thomas hatte Angst vor den Treppen gehabt, am Anfang. Angst vor dem Moment, in dem jemand die Wohnungstür öffnete, während er noch die Schuhe anzog, den Rock noch nicht unter dem Mantel verborgen.
Es geschah an einem Freitag im Dezember. Sophie war noch im Bad. Er stand im Flur im pflaumenblauen Dirndl, den Mantel über dem Arm, und suchte die Schlüssel. Die Klingel ging. Nicht die Wohnungstürklingel – die Haustür unten, und dann Schritte, und dann klopfte es, weil der Nachbar von oben ein Paket für sie angenommen hatte.
Thomas öffnete.
Herr Krüger, zweiundsiebzig, Wollweste, die Brille auf der halben Nase. Er hielt den Karton hin, sah Thomas an, sah das Dirndl, sah den Karton, und sagte: „Für Sie. Zu schwer für die Stufen mit meinen Knien.“
„Danke.“
Herr Krüger nickte. Sein Blick blieb einen Moment am Mieder hängen, nicht lüstern, eher prüfend, wie man ein unerwartetes Möbelstück prüft. „Meine Frau hatte früher auch so eines. Grün. Hat sie nach der letzten Wiesn in den Schrank gelegt und nie wieder hervorgeholt. Schade eigentlich.“ Er klopfte leicht auf den Karton. „Schöne Farbe, Ihres.“
Dann ging er die Treppe hinauf, Stufe für Stufe, und Thomas schloss die Tür und lehnte die Stirn dagegen, bis Sophie aus dem Bad kam und fragte, was sei.
Er erzählte es. Sophie lachte nicht. Sie nahm den Karton, setzte ihn ab und zog ihn in die Küche, wo der Tee noch dampfte. „Die Welt ist voller Leute, die weniger verstehen als Herr Krüger und trotzdem leben“, sagte sie. „Und voller Leute, die mehr verstehen und es trotzdem nicht sagen. Du bist gerade einem begegnet, der in der Mitte liegt.“
An diesem Abend gingen sie nicht hinaus. Sie saßen am Tisch, Thomas noch immer im Dirndl, und aßen Suppe. Zwischen dem dritten und vierten Löffel griff Sophie unter den Tisch und legte die Hand auf seinen kniebedeckten Oberschenkel, fest, besitzanzeigend, zärtlich.
„Ich will, dass du auch Angst haben darfst“, sagte sie. „Nicht nur Mut. Beides.“
Er nickte. Die Suppe war zu heiß. Er blies darüber, und der Dampf beschlug für eine Sekunde das Pflaumenblau auf seiner Brust.
12. Die lange Nacht im Januar

Im Januar lag Schnee, der nicht bleiben wollte. Die Stadt war voller nasser Schuhe und unzufriedener Gesichter. Sophie hatte eine Woche Homeoffice, Thomas einen Projektabschluss, der ihn bis neun Uhr am Schreibtisch hielt. Am Freitag, als er die Datei abgeschickt hatte, stand sie im Türrahmen des Arbeitszimmers, das rote Dirndl über dem Arm – das erste, das Wiesn-Dirndl.
„Heute Nacht gehörst du dem Stoff“, sagte sie. „Kein Kompromiss. Kein Unterkleid. Kein Hintertürchen.“
Er speicherte. Er schaltete den Rechner aus. Er ließ sich anziehen wie am ersten Abend, nur dass die Bewegungen jetzt eine Sprache hatten, die beide beherrschten. Sophie schnürte fester als im November. Das Rostrot nahm ihn. Der Rock war schwer von der eigenen Geschichte, den Flecken, die sie herausgewachsen hatten, dem Saum, der einmal in einer Pfütze auf der Wiesn gewesen war.
Sie band ihm die Augen. Nicht mit einem Tuch aus dem Repertoire irgendeines Spiels, sondern mit der Schürze selbst, abgenommen, doppelt gelegt, hinter dem Kopf geknotet. Die Welt wurde Stoff. Der Geruch von gewaschenem Baumwollgemisch und einem Rest des Parfums, das Sophie im September getragen hatte.
„Du gehst“, sagte sie. „Durch die Wohnung. Langsam. Du zählst die Schritte. Du sagst mir, was du hörst.“
Er ging. Fünfzehn Schritte bis zur Küche. Der Kühlschrank summte. Draußen ein Auto, das durch eine Pfütze fuhr. Zwölf Schritte zurück, dann links ins Wohnzimmer. Der Teppich schluckte den Absatz der Trachtenschuhe. Sophie war irgendwo. Ihr Atem. Das leise Klacken eines Glases, das sie absetzte.
Sie ließ ihn stehen. Minuten, vielleicht. Die Erregung war eine gerade Linie vom Mieder abwärts, gehalten vom Slip, gehalten vom Gewicht des Rocks. Als sie ihn berührte, war es nicht die Hand. Es war der Saum ihres eigenen Nachthemds, Leinen, der über seinen nackten Unterarm strich. Dann ihr Mund an seinem, Lippenstift, den sie nur für diesen Abend aufgetragen hatte.
Sie führte ihn zum Sofa. Setzte ihn. Kniete. Nahm den Slip nicht aus, sondern zur Seite. Der Mund war warm, der Rock fiel ihm über den Kopf wie ein zweites Dunkel. Thomas hielt sich an der Lehne, das Mieder ein Korsett aus Atemnot und Lust. Sophie ließ ihn nicht kommen. Sie stand auf, führte ihn wieder, diesmal ins Schlafzimmer, das Bett schon aufgeschlagen.
Die Augenbinde blieb. Sie legte sich über ihn, noch angezogen, und rieb sich an dem gespannte Stoff zwischen ihnen, langsam, bis ihr Atem kürzer wurde. Dann half sie ihm in sie, den Rock zwischen ihren Bäuchen, eine Lage zu viel und genau richtig. Jede Bewegung verschob den Stoff. Jede Bewegung erinnerte ihn daran, dass er nicht nackt war, während er in ihr war.
Als sie die Schürze von seinen Augen nahm, war das Zimmer nur von der Straßenlaterne erhellt. Sophie sah ihn an, die Haare klebten an der Schläfe. „Sag, was du bist.“
Er brauchte den Satz nicht mehr zu suchen. „Ich bin dein Mann. Und ich bin die, die das Dirndl trägt. Beides. Jetzt.“
Sie kam mit diesem Satz, die Stirn gegen seine, und zog ihn mit, ein gemeinsames Stürzen, das den Rostroten Stoff zwischen ihnen feucht machte an Stellen, die man später waschen würde, ohne dass das Waschen etwas ungeschehen machte.
13. Gespräche, die man am Morgen führt
Nicht jede Nacht endete so. Manche endeten mit Tee und einer Serie und Thomas in Jogginghose. Das war wichtig. Sophie sagte es eines Sonntagmorgens, als der Kaffee durchlief und draußen jemand Schnee schippt, der schon wieder zu Matsch wurde.
„Ich will nicht, dass das Dirndl die Beziehung frisst“, sagte sie. „Es darf ein Raum sein. Nicht das ganze Haus.“
Thomas saß am Tisch, die Hände um die Tasse. „Manchmal habe ich Angst, dass ich dich benutze. Als Zeugin. Als Erlaubnis.“
Sophie schüttelte den Kopf. „Du benutzst mich nicht. Du lässt mich zusehen, und ich will zusehen. Das ist etwas anderes. Wenn ich nicht mehr will, sage ich es. Wenn du nicht mehr willst, sagst du es. Bis dahin ist das hier kein Verrat an irgendetwas.“
Sie redeten über Eifersucht, die nicht kam, und über Scham, die kam und ging. Sie redeten über den Laden, über Frau Huber, über Herr Krüger auf der Treppe. Sie redeten darüber, ob Thomas irgendwann allein auf die Straße gehen würde, nicht als Mutprobe, sondern weil ihm danach war. Die Antwort war: vielleicht. Nicht diesen Winter. Vielleicht im Sommer, auf einem Fest weiter draußen, wo die Gesichter fremder waren.
„Und Sex“, sagte Sophie, pragmatisch wie immer, wenn es ernst wurde. „Ich will auch Nächte ohne Stoff. Ich will dich nackt. Ich will, dass das nicht verschwindet.“
„Das verschwindet nicht.“ Er griff über den Tisch nach ihrer Hand. „Es wird nur mehr. Ich habe nicht weniger Verlangen nach dir, weil ich ein Dirndl anziehe. Ich habe Verlangen nach dir in einer weiteren Sprache.“
Sie behielt seine Hand. Der Kaffee wurde kalt. Das war in Ordnung.
14. Frühling und der Geruch von neuem Gras
Im April blühte in den Höfen das, was in München für Flieder durchging. Sophie hatte Geburtstag. Thomas schenkte ihr keine Blumen. Er schenkte ihr einen Nachmittag im Englischen Garten, beide in Jeans, und abends, zu Hause, zog er das pflaumenblaue Dirndl an und kochte für sie, den Rock mit einer Klammer an der Hüfte festgesteckt, damit er nicht in die Herdplatten geriet.
Sie saß am Küchentresen und trank Wein und sah zu, wie er rührte, wie der Stoff sich bewegte, wenn er sich nach einem Topf bückte. „Du siehst aus, als gehörtest du in diese Küche“, sagte sie. „Nicht als Dekoration. Als jemand, der hier lebt.“
Nach dem Essen tanzten sie wieder, wie im September, ohne Kapelle. Das offene Fenster ließ den Lärm der Corneliusstraße herein, Roller, Stimmen, ein fernes Lachen. Thomas’ Hand auf ihrem Rücken fand das Ende ihres T-Shirts und die warme Haut darunter. Ihre Hand fand das Mieder und blieb dort, die Finger in einer Öse, ein Anker.
Im Bett, viel später, zog sie ihm das Dirndl aus, Stück für Stück, und küsste jede Stelle, die der Stoff berührt hatte, als müsse sie den Körper neu kartografieren. Als er in ihr lag, nackt, sagte sie an sein Ohr: „Beides. Erinnerst du dich? Beides darf bleiben.“
Er erinnerte sich.
15. Die nächste Wiesn, noch weit weg
Im Juni lagen die ersten Prospekte in den Cafés: Vorverkauf, Reservierungen, die ewige Debatte, ob die Preise unanständig seien. Thomas und Sophie reservierten nichts. Sie sagten, sie würden schauen. Aber in der Wohnung hing das pflaumenblaue Dirndl neben dem rostroten, und Frau Huber hatte eine Nachricht geschickt, ob die Schürze nach einem Jahr noch passe oder ob man die Bindung erneuern solle.
An einem Abend im Juli, die Hitze stand zwischen den Häusern, probierte Thomas beide hintereinander an, nur um zu fühlen, wie das Jahr in den Stoffen saß. Das Rote war weicher geworden, eingetragen. Das Blaue war immer noch förmlicher, die Stäbchen klarer. Sophie fotografierte ihn diesmal, mit seinem Einverständnis, das Gesicht nicht ganz im Bild, der Körper im Licht der untergehenden Sonne, das auf den Dielen lag wie verschüttetes Bier.
Sie schickten das Foto niemandem. Es blieb auf ihrem gemeinsamen Album, zwischen Urlaubsbildern und einem Schnappschuss von Herr Krügers Hund, den sie einmal ausgeführt hatten.
„Nächstes Jahr“, sagte Sophie, den Kopf auf seinem noch bekleideten Schoß. „Vielleicht das kleine Zelt wieder. Vielleicht ein anderes. Vielleicht bleiben wir zwei Tage ganz zu Hause und hören die Kapellen nur durch das Fenster, wenn der Wind richtig steht.“
Thomas strich ihr über das Haar. Unter seinen Fingern der Stoff, unter dem Stoff der eigene Körper, darunter das Herz, das ruhiger schlug als im September zuvor.
„Wir haben Zeit“, sagte er.
Draußen begann jemand, in einem Hinterhof Grillanzünder zu versprühen. Der Geruch kam herauf, scharf, sommerlich, und mischte sich mit dem Geruch der Dirndl, der inzwischen einfach der Geruch ihrer Wohnung war.
Sophie schloss die Augen. Thomas saß und atmete gegen das Mieder und dachte an Maßbänder und an Zelte und an eine Treppe, auf der ein alter Mann gesagt hatte: schöne Farbe, Ihres.
Es war genug. Es war ein Anfang, der nicht mehr wie ein Geheimnis schmeckte, das einen vergiftet, sondern wie eines, das man teilt, damit es größer werden darf.
Im August würden sie wieder über Stoffe sprechen. Im September würde irgendwo auf der Theresienwiese eine Kapelle den ersten Takt schlagen. Und irgendwo dazwischen würde Thomas vor einem Spiegel stehen, die Schürze rechts gebunden, und Sophie würde die Schleife gerade ziehen, mit dieser Geste, die inzwischen so selbstverständlich war wie das Nachgeben eines Rocks, wenn man sich setzt.
Das Fest war nur einmal im Jahr.
Sie waren es nicht.
16. Was unter dem Mieder liegt
Es gab Abende, an denen das Dirndl weniger ein Kleidungsstück war als eine Frage, die der Körper beantworten musste. Thomas hatte gelernt, die Frage nicht zu fürchten. Er hatte nicht gelernt, sie zu beantworten, ohne rot zu werden.
An einem Samstag im Februar, der Schnee war weg, der Wind aber nicht, bat Sophie ihn, sich vor dem Spiegel zu entkleiden, während das Dirndl noch auf dem Bett lag. Zuerst die Alltagssachen. Dann stehen bleiben. Sie saß hinter ihm auf dem Hocker, den sie aus der Küche geholt hatte, und sprach leise, als könne ein zu lautes Wort die Haut verscheuchen.
„Schau dich an. Nicht das Gesicht zuerst. Die Schultern. Sie sind nicht falsch. Sie sind nur nicht das, was ein Schnittmuster erwartet. Deshalb lassen wir das Mieder arbeiten.“
Ihre Hände kamen von hinten, strichen über das Schlüsselbein, hinab. Thomas sah im Spiegel, wie sein Brustkorb sich hob. Keine Brust, die ein Dirndl füllen sollte, und trotzdem eine Fläche, auf der Stoff liegen konnte wie eine Aussage.
„Die Taille“, fuhr Sophie fort. „Du glaubst, du hast keine. Du hast eine. Sie sitzt nur tiefer und will gehalten sein.“ Ihre Daumen fanden die Stelle über den Hüftknochen. „Hier schnüren wir. Nicht um dich kleiner zu machen. Um dich sichtbarer zu machen.“
Als das Mieder schließlich geschlossen war, atmete er in Stößen. Sophie stellte sich neben ihn, noch in ihrer Jeans, und legte die Wange an seine Schulter. „Es tut nicht weh?“
„Es tut etwas anderes.“
Sie führte seine eigene Hand an den unteren Rand des Mieders, dort, wo der Rock begann. „Das ist die Grenze. Darüber formst du. Darunter darfst du schwer sein.“
Er verstand erst später, dass sie nicht nur vom Stoff sprach.
In dieser Nacht nahm sie ihn von hinten, beide auf der Seite, der Rock bis zur Taille gerafft, das Mieder zu. Jeder Stoß schob den Atem gegen die Stäbchen. Thomas hielt sich am Bettlaken fest und an ihrer Hand, die über seine Brust wanderte, unter die Bluse, zu den Stellen, die das Mieder platt drückte und dadurch empfindlicher machte. Als er kam, war der Laut ein gepresstes Ding, klein und vollständig. Sophie blieb in ihm, oder er in dem Gefühl von ihr, bis der Puls sich sortiert hatte.
Danach löste sie nur die obersten Ösen. Die unteren ließ sie zu. „Damit du im Schlaf noch weißt, wo du warst.“
Er schlief so, den Rock als Decke, und träumte von einer Bank in einem Zelt, die nie zu Ende ging.
17. Der Englische Garten im Dirndl

Es war Sophies Idee, und sie war gefährlicher als die Wiesn, weil die Wiesn Kostüm erlaubte und der Park das Alltagsgesicht der Stadt war. Ein Sonntag im Mai, warm genug für bloße Arme, kühl genug, dass niemand schwamm. Sie nahmen das rostrote Dirndl, den beige Mantel darüber, offen. Die Schuhe waren die mit dem kleinen Absatz. Im Haar trug Thomas nichts. Sophie hatte gesagt: Entweder ganz oder so alltäglich, dass der Blick abprallt.
Sie gingen durch das Tor am Monopteros. Familien. Hunde. Eine Gruppe, die Volleyball spielte. Thomas spürte jeden Schritt als eine Abstimmung. Der Rock bewegte sich. Ein Radfahrer drehte den Kopf und fuhr gegen einen Randstein, nicht heftig, nur genug, um Thomas das Herz in den Hals zu treiben. Sophie lachte leise. „Er hat den Baum nicht gesehen. Nicht dich.“
Sie setzten sich ins Gras, etwas abseits, wo die Weiden den Blick teilten. Thomas musste lernen, sich in einem weiten Rock auf den Boden zu setzen, ohne dass alles nach oben rutschte. Sophie half, den Stoff um die Beine zu ordnen, eine Geste so fürsorglich und so öffentlich, dass ihm die Augen brannten.
Sie aßen Brezn aus einer Tüte, tranken Schorle aus Flaschen, die zu süß war. Ein Kind blieb stehen und sagte: „Dein Kleid ist rot.“ Dann rannte es weiter. Die Mutter entschuldigte sich mit einem Blick, der nichts verstand und nichts verurteilen wollte. Thomas sagte: „Passt schon.“ Die Stimme hielt.
Als sie weitergingen, hakte Sophie sich unter. Am Chinesischen Turm war Betrieb, Blasmusik, diesmal ohne Zeltplane, offener Himmel. Sie tanzten nicht. Sie standen am Rand und hörten zu, und Thomas begriff, dass Mut nicht immer das Betreten einer Fläche war. Manchmal war es das Stehenbleiben auf ihr.
Auf dem Heimweg, in der Unterführung am Haus der Kunst, drückte Sophie ihn an die Fliesen und küsste ihn, hart, der Rock zwischen ihren Knien. Jemand räusperte sich und ging vorbei. Sophie hörte nicht auf, bis Thomas’ Hände an ihrer Taille zitterten.
„Das war nicht für die Zuschauer“, flüsterte sie. „Das war, damit dein Körper begreift, dass die Stadt dich nicht auffrisst.“
Zu Hause zog er das Dirndl nicht aus. Er kochte Nudeln darin, verbrannte fast die Soße, weil Sophie hinter ihm stand und den Saum hochhob und ihn in der Küche nahm, stehend, eine Hand über seinem Mund, obwohl niemand zuhören konnte außer dem Kühlschrank. Der Stoff des Rocks lag auf dem Holzboden in Falten, die sie später mit den Füßen glätteten, lachend, außer Atem, die Soße zu salzig und trotzdem das beste Essen seit Wochen.
18. Erinnerung: Die Nacht, in der sie ihn zum ersten Mal gesehen hatte
Sophie erzählte die Geschichte erst im März, als sie beide schon wussten, dass das Dirndl bleiben würde. Sie lagen im Dunkeln, nackt, das pflaumenblaue Stück über der Bettstatt wie eine abgelegte Haut.
„Es war ein Donnerstag. Du dachtest, ich sei bei Klara. Klara hatte absagt, und ich wollte dich überraschen. Ich habe den Schlüssel leise gedreht.“
Thomas starrte an die Decke. Er kannte den Rest und wollte ihn trotzdem hören.
„Du standst im Schlafzimmer. Mein grünes Dirndl, nur über die Bluse gezogen, die Schnürung falsch, zu locker oben, zu fest in der Mitte. Du hattest den Rock gerafft und hast dich im Spiegel angesehen, nicht wie jemand, der spielt. Wie jemand, der etwas sucht und Angst hat, es zu finden.“
Sie schwieg eine Weile. Eine Straßenbahn fuhr irgendwo.
„Ich bin nicht reingegangen. Ich bin in die Küche, habe Wasser getrunken, habe die Tür von innen noch einmal leise ins Schloss gezogen und bin eine Stunde durch die Stadt gelaufen. Ich war nicht wütend. Ich war… eifersüchtig. Nicht auf eine Frau. Auf eine Version von dir, die ich nicht kannte. Und ich wollte sie kennen.“
Thomas drehte den Kopf. In der Dunkelheit war ihr Profil eine klare Linie.
„Deshalb das rote Dirndl vor der Wiesn“, sagte er.
„Deshalb. Ich wollte nicht, dass du weiter stiehlst, was ich dir geben kann.“
Er küsste ihre Schulter. Die Dankbarkeit war ein körperlicher Zustand, schwerer als jedes Mieder.
19. Ein Streit, der nötig war
Nicht alles war weich. Im März, nach einem langen Arbeitstag, kam Thomas nach Hause und fand Sophie auf dem Sofa, das rote Dirndl auf dem Schoß, die Schürze in den Händen, als prüfe sie Nähte.
„Ich will heute nicht“, sagte er, bevor sie etwas vorschlagen konnte. Die Worte kamen schärfer als geplant.
Sophie legte die Schürze weg. „Gut.“
„Es ist nicht gut. Du siehst enttäuscht aus.“
„Ich bin enttäuscht. Das darf ich sein. Du darfst nicht wollen. Beides darf im selben Raum stehen.“
Er zog die Jacke nicht aus. Er ging ins Arbeitszimmer und schloss die Tür, nicht laut, nur deutlich. Eine Stunde später klopfte sie. Er sagte herein. Sie stellte Tee ab und setzte sich auf die Fensterbank.
„Ich habe Angst“, sagte sie, und das war seltener als ihre Bestimmtheit. „Angst, dass ich aus deinem Verlangen eine Pflicht mache. Dass das Dirndl zu meiner Bühne wird und du nur noch auftauchst.“
Thomas rieb sich das Gesicht. „Und ich habe Angst, dass ich ohne das Stück Stoff irgendwann uninteressant bin. Dass du die Version im Mieder mehr willst als die im Pullover.“
Sie sahen sich an. Draußen hustete jemand auf der Straße.
„Dann müssen wir uns langweilen dürfen“, sagte Sophie. „Miteinander. Ohne Kostüm. Ohne Höhepunkt. Sonst wird das hier eine Nummer, und Nummern enden.“
Sie tranken den Tee. Sie schliefen angezogen, nicht im Dirndl, in T-Shirts, Rücken an Rücken, und irgendwann in der Nacht drehte er sich um und fand ihre Hand, und die Hand war nur eine Hand, und das reichte, um den Streit nicht als Riss zu hinterlassen, sondern als Naht.
Am nächsten Abend lag das Dirndl unberührt im Schrank. Am übernächsten zog er es an, ohne dass sie gebeten hatte, und kochte wieder, und sie setzte sich auf die Anrichte und schlug die Beine um seine Hüften, den Rock zwischen ihnen, und diesmal war es kein Beweis, sondern eine Fortsetzung.
20. Details, die niemand fotografiert
Es gab Dinge, die in keiner Erzählung vorkamen, wenn man sie nicht absichtlich hinschrieb. Der Juckreiz am Bund, wenn der Slip zu eng war und der Rock zu schwer. Der Abdruck der Ösen auf der Haut, der am nächsten Morgen noch wie eine Schrift aussah. Der Geruch unter der Bluse nach drei Stunden Wiesn: Schweiß, Bierdunst, das Deo, das Sophie ihm gekauft hatte, weil sein altes zu herb war für den Ausschnitt. Das Geräusch, wenn die Schürze gegen eine Holzkante schlug. Die Art, wie der Absatz auf Kopfsteinpflaster kippte, ganz leicht, genug um die Wade anzuspannen.
Thomas lernte, eine Maß zu tragen, ohne den Rock ins Bier zu tauchen. Er lernte, auf der Bank die Knie beieinander zu halten, nicht aus Scham, sondern weil der Stoff sonst eine Öffnung zeigte, die er nicht jedem schuldete. Er lernte Sophies Blick zu lesen, wenn jemand zu lange hinsah: der kleine Seitenblick, der sagte, ich bin hier, du musst das nicht allein aushalten.
Er lernte auch die Lust in den unerwarteten Minuten. In der U-Bahn, stehend, der Rock gegen ein fremdes Knie. Im Treppenhaus, wenn Herr Krüger nicht da war und Sophie den Saum hob, nur für drei Sekunden, nur um ihn hart zu machen vor der eigenen Tür. Am Schreibtisch, wenn unter der Jeans die Strümpfe waren und niemand im Videocall es wissen konnte außer ihr, der er nach dem Call eine Nachricht schickte: Ich trage sie noch.
Die Antwort kam immer schnell. Manchmal nur ein Punkt. Manchmal: Komm ins Schlafzimmer, bevor du sie ausziehst.
21. Sommergewitter
Im August brach ein Gewitter über der Stadt zusammen, das die Isar braun machte. Sie waren am Flaucher gewesen, ohne Dirndl, nur Handtücher und eine Tasche. Auf dem Rückweg, durchnässt, liefen sie die letzten Meter, und in der Wohnung tropften sie auf die Dielen. Sophie zog ihm das nasse Shirt aus, dann die Hose, und irgendwo zwischen Handtuch und Haut sagte sie: „Warte.“
Sie holte das pflaumenblaue. Der Stoff war trocken, fast warm vom Schrank. Sie zog es ihm über den noch feuchten Körper. Die Bluse klebte. Das Mieder schloss sich über einer Haut, die nach Regen roch. Der Kontrast war so scharf, dass Thomas die Zähne zusammenbiss.
Sophie kniete und trocknete seine Waden mit dem Handtuch, unter dem Rock, eine Geste so alltäglich und so unanständig, dass ihm schwindelte. Dann nahm sie ihn in den Mund, dort auf der Fußmatte, die Tür noch nicht richtig geschlossen, der Sommerregen gegen das Treppenhausfenster. Thomas hielt sich am Kleiderhaken fest. Ein Schirm fiel um. Niemand kam.
Als er kam, schluckte sie, wischte sich den Mund an seiner Schürze ab – der Gerstenähren-Schürze – und sagte: „Jetzt bist du innen trocken und außen fest.“
Er lachte, heiser, und zog sie auf den Boden. Der Rock breitete sich unter ihnen aus wie eine dunkle Pfütze aus Stoff. Sie ritten sich gegenseitig durch die nächsten Minuten, nass und trocken, und das Gewitter zog weiter Richtung Osten, als hätte es seine Arbeit getan.
22. Frau Huber und das zweite Maß
Ein Jahr nach der ersten Anprobe bestellte Sophie ihn erneut in die Sendlinger Straße. Frau Huber hatte sich nicht verändert. Der Laden roch gleich. Diesmal nahm sie Maß für ein Winterdirndl, schwererer Stoff, längerer Rock, ein Mieder mit zusätzlicher Wattierung an den Kanten, „weil die Kälte die Haltung verändert“, sagte sie.
Während das Band wanderte, fragte Frau Huber, ohne aufzusehen: „Tragen Sie es oft?“
„Oft genug“, sagte Thomas.
„Gut. Stoffe wollen benutzt werden. Sonst sterben sie im Schrank, und dann ist es nur Geld.“ Sie notierte Zahlen. „Die Schultern sind unverändert. Die Haltung ist besser. Sie stehen anders als letztes Jahr.“
Sophie, wieder auf dem Stuhl an der Wand, lächelte in ihr Handy, als schreibe sie das mit.
Auf dem Nachhauseweg kauften sie am Viktualienmarkt Blumen, die nichts mit Tracht zu tun hatten, nur mit dem Tisch zu Hause. Thomas trug den Strauß. Eine Verkäuferin sagte: „Für die Freundin?“, und er sagte ja, und das ja enthielt mehr als die Blumen.
23. Die zweite Wiesn
Sie kam, wie Dinge kommen, die man erwartet und trotzdem nicht ganz glaubt. Diesmal reservierten sie zwei Nachmittage im kleinen Zelt, nicht mehr. Den Rest ließen sie offen.
Thomas trug das pflaumenblaue. Sophie das grüne, das inzwischen auch eingetragen war. Die Schleifen rechts. Concealer, Lippenstift nur am Abend des zweiten Tages. Die Angst war kleiner und genauer. Sie hatte einen Namen und eine Form und saß nicht mehr im ganzen Körper, sondern nur noch hinter dem Brustbein, dort, wo das Mieder sowieso Platz wegnahm.
Am ersten Nachmittag erkannte sie niemand. Am Abend kam die Frau aus Köln nicht. Stattdessen saß neben ihnen ein Paar aus Rosenheim, das Sophie von irgendwoher kannte, vage, ein altes Praktikum. Die Frau sah Thomas länger an als höflich, dann lächelte sie und redete über die Kapelle. Der Mann bestellte eine Runde. Nichts zerbrach.
Auf der Toilette diesmal getrennt. Thomas ging zu den Herren, den Mantel über dem Dirndl, und niemand sagte etwas, weil niemand genau hinsah, und das war eine andere Art von Glück als das Stehen in der Damenschlange im Jahr davor.
Am zweiten Tag tanzten sie länger. Thomas’ Hand auf Sophies Rücken kannte das Mieder unter seinen Fingern, das fremde und das eigene, wenn sie die Positionen wechselten, nur zum Spaß, nur weil der Takt es zuließ. Ein Betrunkener rief „Servus, ihr zwei“, und Sophie rief zurück, und Thomas hob das Glas, und das Glas war nur ein Glas, und der Rock war nur ein Rock, und beides war nicht nur.
Zu Hause, nach Mitternacht, zogen sie sich nicht aus, bevor sie einander nahmen. Das Pflaumenblau gegen das Tannengrün, Schürze gegen Schürze, eine unordentliche, lachende, feuchte Verschlingung auf dem Bett, das zu schmal war für zwei weite Röcke und trotzdem reichte.
„Nächstes Jahr“, keuchte Sophie irgendwann, „kaufen wir ein drittes. Nur weil wir können.“
Thomas kam mit diesem Satz im Ohr, und der Satz blieb, auch als der Stoff endlich fiel und die Haut die Haut fand, ohne Umweg.
24. Was bleibt, wenn die Zelte leer sind
Nach der zweiten Wiesn lag die Theresienwiese wieder brach, ein Feld voller Löcher und Pläne. In der Wohnung hingen drei Dirndl, wenn man das Winterstück mitzählte, das Frau Huber im Oktober geliefert hatte. Thomas trug es an einem Sonntag im Dezember zur Christkindlmarkt-Runde, unter einem langen Mantel, nur die Schürze sichtbar, wenn der Wind den Mantel öffnete. Sophie hielt seine Hand. Der Glühwein war zu süß. Der Schnee kam nicht. Trotzdem war der Abend vollständig.
Es gab Nächte ohne jedes Kleidungsstück, das eine Geschichte erzählte. Es gab Nächte, in denen nur die Strümpfe blieben. Es gab einen Morgen, an dem Thomas allein in der Wohnung das rote Dirndl anzog, Kaffee kochte und sich an den Tisch setzte und eine Mail schrieb, ganz gewöhnlich, den Rock über den Knien, und merkte, dass das Gewöhnliche die eigentliche Eroberung war.
Sophie kam später, sah ihn so, küsste den Scheitel und sagte nichts, weil nichts gesagt werden musste.
Wenn er später versuchte, den Anfang zu datieren, landete er nicht bei der Wiesn und nicht beim roten Stoff auf dem Bett. Er landete bei einem Donnerstag zwei Jahre zuvor, bei einer falsch geschnürten Schleife und einer Frau, die nicht ins Zimmer gekommen war, sondern eine Stunde durch die Stadt gelaufen war, um Platz zu machen für etwas, das sie noch nicht benennen konnte.
Das Benennen hatten sie inzwischen geübt. Es klang nicht immer gleich. Manchmal hieß es nur: Zieh es an. Manchmal: Nicht heute. Manchmal: Die Schürze rechts. Manchmal gar nichts, nur eine Hand, die den Bund des Alltagsrocks fand und darunter die Strümpfe, und ein Lächeln, das sagte: Ich weiß.
München machte weiter. Die Isar machte weiter. Die Zelte würden wiederkommen. Thomas stand manchmal am Fenster im Glockenbachviertel, das Mieder zu oder offen, und sah die Straßenbahn und dachte, dass ein Leben Platz hatte für mehr als eine Silhouette.
Sophie trat dann oft hinter ihn, wie am ersten Abend, und legte die Hände auf eine Taille, die es inzwischen gab, weil jemand sie gehalten hatte, lange genug, damit der Körper sie glaubte.
„Noch da?“, fragte sie manchmal.
„Noch da“, sagte er.
Der Stoff zwischen ihren Handflächen und seiner Haut war nur Stoff. Was darunter lag, war die Geschichte. Und die Geschichte war nicht zu Ende, nur an einem Punkt angekommen, an dem man aufhören durfte zu erzählen, ohne dass etwas verschwand.
Draußen wechselte die Ampel. Irgendwer lachte. In der Wohnung roch es nach Kaffee und nach festem Gewebe und nach zwei Menschen, die gelernt hatten, eine Schleife zu binden, ohne einander festzubinden.
Rechts. Immer noch rechts.
Solange sie das so wollten.
25. Ein Wochenende in der Hallertau
Im September zwischen den Wiesn-Jahren, wenn das Wort Hopfen in Bayern eine zweite Bedeutung hat, mieteten sie ein kleines Haus außerhalb von Wolnzach. Kein Event, keine Trachtengruppe, nur ein Garten, der nach feuchter Erde roch, und ein Holzboden, der in der Nacht knackte.
Sophie packte beide Dirndl ein. Thomas sah den Koffer und sagte nichts. Auf der Autobahn lag seine Hand auf ihrem Knie, und unter der Jeans trug er nichts Besonderes, und das war Absicht. Sie hatten beschlossen, den Freitag gewöhnlich zu lassen.
Am Samstagmorgen stand der Nebel zwischen den Stangen der Hopfengärten. Sophie kochte Eier. Thomas duschte lange. Als er herauskam, lag das pflaumenblaue auf dem Bett, die Schürze daneben, die Schuhe am Fußende. Ein Zettel: Nur wenn du willst. Kein Theater.
Er wollte.
Das Anziehen ohne Zuschauer war eine andere Übung. Die eigenen Hände an den eigenen Ösen. Die Schnürung, die man nicht sehen konnte, nur fühlen. Er machte sie fester, als Sophie es getan hätte, dann lockerer, dann wieder fester, bis der Atem jene Höhe hatte, die er inzwischen suchte wie andere Leute Kaffee suchten.
Im Garten, der Rock feucht am Saum vom Gras, trank er den zweiten Kaffee. Ein Nachbar hinter der Hecke schnitt etwas und grüßte über das Holz. „Servus. Schönes Stück.“ Er meinte das Dirndl oder den Morgen oder beides. Thomas grüßte zurück. Die Tasse zitterte nicht.
Sophie kam mit einer Decke. Sie setzten sich auf die Stufen. Ihre Hand wanderte unter den Rock, nicht zielgerichtet, nur prüfend, als wolle sie feststellen, ob der Körper unter dem Stoff noch derselbe war wie in München. Er war es. Er war es auch nicht.
Am Nachmittag gingen sie durch den Ort. Niemand kannte sie. Ein Dirndl auf einem Marktplatz in der Hallertau war weniger eine Aussage als in der Münchner U-Bahn. Es gehörte zur Gegend wie die Stangen und der Geruch. Thomas kaufte Brot. Die Verkäuferin sagte „Die Herrschaften“, und das Wort schloss ihn ein, ohne ihn zu entkleiden.
Abends, im Haus, brannten zwei Lampen zu wenig. Sophie schnürte das Mieder nach, enger, weil der Tag es gelockert hatte. Sie nahm ihn auf dem Küchentisch, den Rock über die Tischkante gehängt, die Bluse geöffnet, ihr Mund an der Stelle, wo das Stäbchen den Muskel flach drückte. Thomas hielt sich an der Tischplatte, der Holzkante, ihrem Haar. Als er nah war, flüsterte sie: „Nicht noch. Warte.“ Er wartete. Der Körper lernte das Warten unter Stoff schneller als ohne.
Später im Bett, das Fenster offen zum Hopfengeruch, sagte sie: „Ich will, dass du auch allein hierherkommen könntest. Irgendwann. Nicht als Test. Als Möglichkeit.“
Er starrte in das Dunkel über ihnen. „Ich weiß nicht, ob ich das will.“
„Dann willst du es nicht. Das ist eine vollständige Antwort.“
Sie schliefen. Irgendwann in der Nacht zog er den Rock wieder über die Hüften, nicht aus Lust, aus dem Bedürfnis nach Gewicht. Sophie murmelte und rückte näher. Der Nebel kam zurück vor das Fenster, als hätte er nur gewartet, bis niemand mehr hinsah.
26. Der Körper schreibt mit
Es gab eine Woche im Oktober, in der Thomas das Mieder auch unter dem Hemd trug, zur Arbeit, die Stäbchen gegen ein unsichtbares T-Shirt. Niemand bemerkte es. Er bemerkte alles. Das Sitzen in der Besprechung. Das Heben des Arms zum Whiteboard. Das Ausatmen, das nicht mehr bis ganz nach unten durfte. Dazwischen Nachrichten an Sophie: Es drückt links. Es drückt richtig.
Sie antwortete: Komm nach Hause, bevor du es aufmachst.
Er kam. Sie machte es auf, langsam, und küsste die Schrift, die das Stäbchen hinterlassen hatte, Zeile für Zeile. Dann zog sie ihm das volle Dirndl über genau diese gerötete Haut und nahm ihn, ohne dass er sich hinlegen durfte. Stehen. Den Spiegel im Rücken. Ihre Hand vorn unter dem Rock, ihr Mund an seinem Ohr: „Das hast du den ganzen Tag getragen. Jetzt darfst du es spüren.“
Er kam so heftig, dass ihm die Knie nachgaben. Sie hielt ihn, der Rock ein Trichter um beide, und lachte leise, nicht über ihn, über die Genauigkeit des Moments.
Am nächsten Tag trug er nichts unter dem Hemd. Auch das war eine Entscheidung. Sophie prüfte nach Feierabend mit der flachen Hand, ob die Haut noch die Erinnerung hatte. Sie hatte sie.
27. Sprache finden
Sie setzten sich eines Abends extra hin, mit Papier, was ihnen peinlich und notwendig vorkam. Sophie schrieb zuerst Wörter auf, die sie benutzen wollten, und Wörter, die sie nicht wollten. Thomas ergänzte.
Nicht: Sissy. Nicht die Sprache der Foren, die er früher gelesen hatte, wenn Sophie schlief. Nicht Demütigung als Grundton, außer wenn sie beide ausdrücklich danach verlangten, und das taten sie selten.
Ja: Dirndl. Mieder. Schürze. Rechts. Fest. Langsamer. Stehen bleiben. Schau hin.
Ja auch: aufhören. Nicht heute. Nur die Strümpfe. Nackt.
Sie hängten die Liste nicht auf. Sie lag in der Schublade unter den Schals, und manchmal holte einer von beiden sie hervor, nicht um zu lesen, um sich zu erinnern, dass sie eine Sprache gebaut hatten statt einer zu übernehmen.
An einem Abend benutzte Sophie eines der Wörter anders. Sie sagte nicht „zieh das Dirndl an“, sie sagte „komm her, ich will den Rock an dir sehen, während du mich ansiehst“. Der Unterschied war klein und verschob alles. Thomas zog es an und setzte sich ihr gegenüber auf den Stuhl, die Hände auf den Knien, und sie betrachtete ihn so lange, bis ihm das Sitzen zur Arbeit wurde. Dann kam sie zu ihm, setzte sich auf seinen Schoß, den eigenen Rock – sie trug an dem Abend auch einen – über seinen, und sie bewegten sich so, Stoff auf Stoff, bis die Reibung reichte und nicht mehr reichte und sie beide mit offenen Augen fertig wurden, die Stirn aneinander, der Stuhl ein unwilliger Zeuge.
28. Ein Brief, den niemand abschickte
Thomas schrieb in einer Nacht, in der er nicht schlafen konnte, einen Text auf das Handy, adressiert an niemanden. Er schrieb von der ersten falschen Schnürung. Von Sophies Stunde in der Stadt. Von Frau Huber und dem Maßband. Von Herr Krüger und der schönen Farbe. Von der Kölnerin, die nach dem Laden gefragt hatte. Von der Hallertau und dem Nachbarn hinter der Hecke. Von der Angst in der U-Bahn und von der Lust auf einer Fußmatte im Gewitter.
Er schrieb: Ich bin kein anderer Mensch geworden. Ich bin derselbe, der plötzlich eine Taille hat, weil jemand sie gehalten hat.
Er schickte den Text nicht. Am Morgen lag er Sophie auf dem Küchentisch, das Display nach oben. Sie las ihn, während der Kaffee durchlief, und schrieb darunter, mit dem Finger in der Notiz: Ich auch. Dieselbe. Mit mehr Händen.
Dann löschte sie nichts. Die Notiz blieb zwischen Einkaufslisten und einem Link zu einem Rezept für Dampfnudeln.
29. Dampfnudeln und andere Schwere
Die Dampfnudeln waren Sophies Idee einer Versöhnung mit dem Winter. Der Teig ging im Warmem auf, der Topf beschlug, die Küche roch nach Hefe und Butter. Thomas trug das Winterdirndl, den längeren Rock, der an den Waden wärmer war. Er goss Vanillesoße, während Sophie den Tisch deckte, und als sie sich setzten, schob sie ihren Fuß unter seinen Rock und ließ ihn dort, an der Stelle, wo der Strumpf endete.
Sie aßen zu viel. Danach lagen sie auf dem Sofa, zu schwer für große Bewegungen, und ihre Hand fand ihn trotzdem, langsam, ohne Zielstrebigkeit, eher wie jemand, der prüft, ob ein Ofen noch warm ist. Er war warm. Sie brachte ihn nicht zu Ende. Sie ließ die Hand einfach liegen, Besitz ohne Zugriff, und er schlief so ein, den Kopf auf ihrer Schulter, den Rock über beiden wie eine dritte Person, die nichts wollte außer dableiben.
Um drei wachte er auf, hart, und Sophie wachte mit ihm auf, als hätte der Körper sie gerufen. Sie machte das Licht nicht an. Sie schob den Slip beiseite und nahm ihn in die Hand, fest, genau, bis er gegen ihre Handfläche kam, still, der Mund am Stoff ihrer Schulter. Danach wischte sie die Hand an der Innenseite seines Rocks ab, dieselbe Geste wie im Zeltgang der ersten Wiesn, und die Geste schloss einen Kreis, den niemand sonst sehen musste.
30. Was man einer Freundin sagt
Klaras Besuch war angekündigt. Sophie hatte gefragt, ob das Dirndl im Schrank bleiben solle. Thomas hatte gesagt: Es darf hängen. Es muss nicht auftreten.
Klara kam mit Wein und Neuigkeiten und einem Blick, der Räume las. Sie sah die Stange in der Ecke, die drei Kleider, und sagte nichts beim ersten Glas. Beim zweiten sagte sie: „Neue Phase?“
Sophie sah Thomas an. Thomas sagte: „Eine alte, die sichtbar geworden ist.“
Klara nickte, als sei das eine Kategorie, die sie in ihrem eigenen Leben irgendwo schon getroffen hatte. „Steht dir das blaue“, sagte sie später, ganz beiläufig, als Thomas aus der Küche kam, noch in Jeans. „Ich hab’s nur auf dem Bügel gesehen. Die Farbe.“
Mehr kam nicht. Mehr musste nicht kommen. Als Klara gegangen war, zog Thomas das Blaue trotzdem an, nicht für Klara, für die Tatsache, dass der Satz im Raum gewesen war und der Raum nicht eingestürzt ist.
Sophie knöpfte ihm die Bluse zu und sagte: „Die Welt hat mehr Platz, als du ihr zugetraut hast.“
„Nicht die ganze Welt“, sagte er.
„Genug Welt.“
31. Noch einmal die Wiesn, in der Erinnerung genauer
Wenn Thomas später versuchte, den ersten Wiesn-Samstag zu rekonstruieren, kamen Einzelheiten nach, die er in der Minute selbst nicht gehalten hatte. Der genaue Ton der Maßkrüge, wenn sie auf Holz trafen. Ein Kind, das weinte, weil der Luftballon weg war. Der Schweißfleck in Sophies Bluse, unter dem Arm, den das Mieder nicht verdeckte. Der Geschmack der Brezn, zu salzig, und wie das Salz auf seinen Lippen lag, als sie ihn in der Kabine küsste.
Er erinnerte sich an den Mann mit dem Gamsbart in der U-Bahn und daran, dass dessen Frau den Mann am Ärmel gezogen hatte, nicht unfreundlich, nur beendend. Er erinnerte sich an das Mädchen mit dem Handy und daran, dass er nie erfuhr, ob ein Foto existierte. Er beschloss, dass es ihn nichts mehr anging.
Er erinnerte sich an Sophies Hand unter dem Tisch, das erste Mal, den Druck, der keine Reibung war, nur Anspruch. An den Satz: Jetzt kannst du noch zwei Stunden sitzen. An die zwei Stunden, die eine Schule waren.
In der Erinnerung war das rote Dirndl leuchtender als im Schrank. Das war in Ordnung. Erinnerung durfte färben. Der Körper erinnerte genauer: den Zug der Schnürung links oben, wo eine Öse anders saß; den Saum, der einmal in einer Pfütze gewesen war; die Stelle am Hals, wo Sophies Zähne am ersten Abend gewesen waren.
Wenn er das rote anzog, Jahre später, war die Erinnerung ein Futter. Man sah es nicht. Man spürte es, wenn man sich setzte.
32. Ein Inventar
Sie machten irgendwann, halb zum Spaß, ein Inventar der Dinge, die das Dirndl geändert hatte und der Dinge, die gleich geblieben waren.
Geändert: der Schrank. Die Haltung. Die Art, wie Thomas durch Türen ging. Die Rasur. Der Inhalt der untersten Schublade. Die Gespräche vor dem Einschlafen. Die Bedeutung des Wortes rechts.
Gleich geblieben: der Streit um das Fenster nachts. Sophies Unfähigkeit, rechtzeitig aus dem Haus zu gehen. Thomas’ Unfähigkeit, einen Koffer zu packen, ohne dreimal umzupacken. Das Verlangen nach ihr, nackt, am Morgen, wenn der Wecker noch nicht verstanden hatte, dass sie wach waren. Der Kaffee. Herr Krügers Knie. Die Straßenbahn.
Sophie las die Liste und ergänzte: Geändert habe ich die Vorstellung, dass Intimität nur in eine Richtung sichtbar sein darf. Gleich geblieben ist, dass ich dich liebe, auch wenn du mich mit dieser Liste nervst.
Er nahm die Liste und küsste sie auf den Mund, und die Liste fiel auf den Boden, und sie blieben darüber stehen, bis das Küssen etwas anderes wurde und das Dirndl, das er an dem Nachmittag trug, wieder Arbeit tat, für die es gemacht war: halten, formen, erinnern, hergeben.
33. Coda im Glockenbachviertel

Ein später Abend, kein Fest, kein Gewitter, kein Besuch. Nur die Wohnung und der Lärm der Straße, der zu ihnen gehörte wie das Summen des Kühlschranks. Thomas stand am Fenster im pflaumenblauen Dirndl, die Schürze rechts, die Bluse am Kragen offen, weil die Wärme des Tages noch in den Wänden saß. Sophie lag auf dem Sofa und las, oder tat so.
„Komm her“, sagte sie, ohne aufzusehen.
Er kam. Der Rock streifte den Teppich. Sie zog ihn auf sich herunter, das Buch fiel, und für eine Weile gab es nur Gewicht und Stoff und den Mund, der den Mund fand. Sie ließen das Mieder zu. Sie ließen fast alles zu. Als sie fertig waren, blieb er liegen, halb auf ihr, der Rock ein unordentliches Meer um die Hüften, und Sophie strich ihm über den Rücken, dort, wo die Schnürung Knoten hinterlassen hatte.
„Noch da?“, fragte sie.
„Noch da.“
Draußen wechselte wieder eine Ampel. Irgendwer lachte wieder. Es war nicht dasselbe Lachen wie am Anfang der Geschichte, aber es war dieselbe Stadt, derselbe Mann, dieselbe Frau, und ein Stück Stoff, das gelernt hatte, dazwischen keinen Krieg zu führen.
Das reichte, um ein Leben weiterzuführen, das größer geworden war, ohne jemand anderen kleiner zu machen.
Und wenn im September irgendwo Blechmusik den Takt angab, wussten sie beide, ohne hinzusehen, auf welcher Seite die Schleife saß.
34. Langsames Anziehen, zum letzten Mal erzählt
Wer nie ein Dirndl von innen kennt, glaubt, es sei ein Kleid. Es ist eine Abfolge. Thomas konnte sie irgendwann im Schlaf. Die Strümpfe zuerst, immer, weil alles andere danach den Zugriff auf die Beine erschwerte. Der rechte zuerst, aus einem Aberglauben, den Sophie erfunden hatte und den er behalten hatte. Der Stoff wurde über die Zehen gerollt, dann hochgezogen, die Naht gerade, wenn es eine gab, die Ferse sitzen. Handflächen glätten. Keine Falte in der Kniekehle, sonst reibt der Tag.
Dann der Slip, hautfarben oder schwarz, je nach Rock. Eng. Die Entscheidung, wie viel man dem Stoff überlässt und wie viel man selbst hält. Dann die Bluse. Arme hinein, Kopf durch, Knöpfe von oben, oder von unten, je nachdem, wie sehr die Finger zitterten. Sophie knöpfte oft die letzten drei, weil sie näher an der Stelle waren, an der das Mieder später lastete.
Das Mieder überstreifen wie eine Weste, die zu klein wirkt, bis die Schnürung die Wahrheit verschiebt. Zug links, Zug rechts, nicht abwechselnd um zu quälen, abwechselnd um die Mitte zu finden. Sophie setzte das Knie manchmal in den unteren Rücken, nicht hart, nur als Gegenhalt. Der Atem wanderte nach oben. Die Welt wurde ein Korridor aus Rippen.
Der Rock. Tritt hinein, oder über den Kopf, je nach Schnitt. Der Bund setzt sich auf das Mieder, eine zweite Grenze. Haken, Knöpfe, unsichtbare Drücker. Dann die Schürze. Um die Taille, vorn glätten, hinten kreuzen oder nicht, je nach Tradition, die sie sich zurechtgelegt hatten. Die Schleife. Rechts. Zwei Schlaufen, eine davon kürzer, weil Sophies Hände das so wollten. Ein Zug. Fertig.
Danach das Stehen. Das erste Spiegelbild. Immer ein Atemzug, in dem das Gesicht den Rest einholen muss. Thomas hatte aufgehört, in diesem Atemzug zu verschwinden. Er blieb.
Sophie trat dann oft hinter ihn und legte die Hände flach auf das Mieder, nicht um nachzuschnüren, um zu bezeugen. „Da bist du.“ Es war kein Zauberspruch. Es war eine Bestandsaufnahme.
Manchmal endete das Anziehen dort. Manchmal begann es erst dort. Die Hand unter den Rock konnte eine Fortsetzung der Schnürung sein, ein letzter Zug, der nicht am Stoff stattfand. Thomas lernte, stehen zu bleiben, während sie ihn berührte, die Knie weich, das Mieder hart, der Spiegel unbestechlich. Wenn er kam, noch bevor sie das Haus verließen, war das keine Niederlage. Es war eine Justierung. Der Rest des Tages saß dann anders.
35. Was Sex im Dirndl mit der Zeit macht
Am Anfang war alles neu und deshalb scharf. Später wurde es genauer. Die Schärfe blieb, aber sie hatte Adressen.
Es gab den Sex, bei dem das Dirndl geschlossen blieb und alles unter dem Rock geschah, heimlich, obwohl niemand im Zimmer war außer ihnen. Es gab den Sex, bei dem die Bluse offen war und das Mieder zu, die Brustwarzen unter dem Zug der Stäbchen empfindlich wie nach Kälte. Es gab den Sex, bei dem nur die Schürze blieb, lächerlich und feierlich, ein Band um die nackte Taille, die Schleife rechts, während Sophie vor ihm kniete.
Es gab Nächte, in denen er sie trug und in ihr war zugleich, der Rock zwischen den Bäuchen eine Klage und ein Witz. Es gab Nächte, in denen sie das Dirndl trug und er nichts, und er unter ihrem Rock verschwand wie unter einer zweiten Decke, den Mund dort, wo sie ihn haben wollte, die Schürze im Gesicht, der Geruch von gewaschenem Leinen und ihr.
Einmal, im Winterdirndl, zu schwer für Eile, nahm sie sich Zeit für jede Öse. Öffnen. Küssen. Nächste Öse. Bis das Mieder nur noch auf den Schultern hing wie ein offener Brief. Dann zog sie ihn auf das Bett, den langen Rock als Laken, und ritt ihn so langsam, dass der Stoff kaum raschelte. Thomas zählte die Atemzüge gegen die restlichen Stäbchen. Bei vierundzwanzig kam sie. Bei dreißig er. Die Zahlen waren Unsinn und halfen trotzdem.
Einmal sagten sie das Wort nicht und taten es trotzdem. Kein Dirndl. Nackt. Der Beweis, dass nichts verschwunden war. Danach, im Bad, zog er die Strümpfe an, nur die, und Sophie sagte: „Ja. So auch.“ Der Abend gehörte beiden Sätzen.
36. München im Alltag des Stoffes
Die Stadt hatte Orte, die leichter waren als andere. Der Englische Garten im Mai war eine Prüfung gewesen. Der Flaucher blieb Jeans-Gebiet. Der Viktualienmarkt lag dazwischen: möglich, wenn der Mantel half, unnötig, wenn nicht. Die Sendlinger Straße war der Laden und deshalb schon erobert. Das Glockenbachviertel war zu Hause und deshalb das einfachste und das schwerste, weil hier Herr Krüger wohnte und die Studentin und die Mülltonnen und das echte Leben.
Thomas ging einmal allein um den Block, das Winterdirndl unter dem Mantel, die Schürze sichtbar, als der Wind wollte. Es war acht Uhr abends, Januar, niemand feierte etwas. Ein Radfahrer klingelte. Eine Frau mit Hund wechselte die Straßenseite, wahrscheinlich wegen des Hundes. An der Ecke zur Klenzestraße blieb er stehen und atmete gegen das Mieder und merkte, dass die Panik kam und wieder ging, wie Wetter.
Er schrieb Sophie: Ich bin um die Ecke. Sie schrieb: Komm zurück, wenn du willst. Bleib, wenn du willst. Ich bin in der Küche.
Er blieb noch fünf Minuten. Dann ging er zurück. In der Küche stand sie mit zwei Gläsern und fragte nicht, wie es gewesen sei. Sie zog ihm den Mantel aus und ließ das Dirndl an und schnitt Brot. Das Brot war die richtige Frage.
37. Ende, das keines ist
Geschichten wie diese tun so, als gäbe es einen letzten Satz, der alles bindet. Es gibt ihn nicht. Es gibt nur Fortsetzungen, die man nicht mehr aufschreiben muss, weil sie das Leben selbst sind: ein Dienstag ohne Stoff, ein Freitag mit, ein Streit ums Fenster, eine Reservierung, die man absagt, eine Schleife, die man neu bindet, weil die alte ausgefranst ist.
Thomas stand oft genug vor dem Spiegel, um zu wissen, dass das Gesicht dasselbe blieb. Sophie stand oft genug hinter ihm, um zu wissen, dass sie nicht die Regisseurin einer Verwandlung war, sondern die Zeugin einer Genauigkeit.
Das rote Dirndl wurde weicher. Das pflaumenblaue hielt die Form. Das Winterstück roch nach Schrank und nach dem einen Christkindlmarkt. Frau Huber ging in Rente, sagte man. Der Laden blieb. Herr Krüger seine Treppen. Die Wiesn ihre Jahre.
Und irgendwo dazwischen, in einer Wohnung im Glockenbachviertel, band jemand eine Schleife nach rechts und jemand anders zog sie gerade, und das bedeutete immer noch dasselbe, bis es eines Tages vielleicht etwas anderes bedeuten würde, und dann würden sie darüber reden, wie sie über alles geredet hatten, das zuerst unmöglich schien und dann nur noch Stoff war, und dann wieder mehr.
