Verkaufstraining
Der Auslöser
Jonas Berger hatte die Damenabteilung von „Leclaire & Moreau“ immer verachtet.
Im Herrenbereich, wo er seit fünf Jahren einer der umsatzstärksten Verkäufer war, herrschte Klarheit. Maßanzüge, kaschmirgefütterte Mäntel, Schuhe, die mehr kosteten als manches Monatsgehalt. Die Kunden wussten, was sie wollten. Schnell, präzise, ohne Theater. Jonas selbst war selbstbewusst, manchmal überheblich, und er ließ die Kolleginnen in der Damenabteilung das spüren.
Sie liefen in seinen Augen zu leger herum. Bequeme Ballerinas, weite Hosen, Blusen, die man auch zum Brunch hätte tragen können. „Schlampig“, nannte er es unter Kollegen. „Unprofessionell.“ An jenem Dienstag im März sagte er es laut genug, dass halb die Etage hinsah.
„Sagt mal, ist hier eigentlich noch jemand an Verkauf interessiert oder spielen wir nur Verkleiden? Wenn ich mir die Aufmachung hier ansehe, wundert es mich nicht, dass die Umsätze stagnieren. Die Kundinnen wollen doch etwas sehen. Etwas, das nach Frau aussieht. Eng. Figur. Absatz. Nicht diese Wanderkleidung.“
Als Frau von Hardenberg wenig später durch die Abteilung kam, legte er nach. „Mit Verlaub, wenn die Damen hier endlich mal sexier auftreten würden – engere Röcke, höhere Schuhe, vielleicht ein bisschen mehr Dekolleté –, dann sähen die Zahlen anders aus. Die sollen verkaufen und nicht aussehen, als wären sie zum Yoga gekommen.“
Drei Tage später saß er in ihrem Büro im ersten Stock. Die Vorhänge waren halb zugezogen. Auf dem Schreibtisch lag bereits ein vorbereiteter Ordner.
„Herr Berger“, begann sie ruhig, „wir haben Beschwerden. Von Kundinnen. Von Kolleginnen. Und Ihre wiederholten Äußerungen über die Kleidung der Mitarbeiterinnen. Sie finden sie zu leger. Zu unsexy. Sie verlangen engere Röcke, höhere Absätze, mehr Figurbetonung.“
Sie beugte sich vor.
„Gut. Dann werden wir das jetzt genau so handhaben.“
Der Vertrag, den sie ihm vorlegte, war unbefristet. Vollständige Versetzung in die Damenabteilung. Weibliche Aufmachung – eng, figurbetont, Absatz, Make-up. Haare wachsen lassen, professionelle weibliche Frisur, jeden Morgen vor Ladenöffnung zum Friseur. Namensschild „Jona“. Weibliche Anrede durch das gesamte Haus. Gehalt dauerhaft und drastisch abgesenkt – spürbar unter dem Niveau der anderen Verkäuferinnen. Kleidung für die ersten fünf Tage gestellt, danach alles selbst kaufen und bezahlen. Und ein zusätzlicher Punkt: Die Kleidung musste jeden Tag makellos und faltenfrei sein. Weibliche Stoffe zerknitterten schnell. Er würde lernen, selbst zu bügeln.
Jonas unterschrieb. Er brauchte den Job. Die Wohnung, der Kredit, der Lebensstil – alles hing daran.
Die ersten Wochen
Am nächsten Morgen erschien er um 6:45 Uhr. Miriam und Lena warteten bereits in der Umkleide. Auf dem Tisch lag die gestellte Kleidung: hautfarbener Push-up-BH, schwarzer Spitzenstring, 20-Denier-Strumpfhose, schwarzer Bleistiftrock, cremefarbene Seidenbluse mit tiefem Ausschnitt, 9-cm-Pumps.
„Ausziehen. Alles.“
Er gehorchte. Der BH saß eng und erzeugte deutliche Rundungen. Der String drückte seine Genitalien fest nach hinten und oben. Die Strumpfhose formte die Beine. Der Rock spannte über Hüften und Po und zwang ihn zu kurzen Schritten. Die Bluse zeigte den Ausschnitt. Die Pumps verlagerten sein Gewicht nach vorn. Nach wenigen Metern brannten die Waden.
Das Make-up dauerte fast dreißig Minuten. Foundation gegen den Bartschatten, Contouring, Lidschatten, Mascara, matter Lippenstift. Die Perücke war nur Übergang. Die Haare darunter wuchsen bereits.
Um 8:20 Uhr stand er vor dem Team zur Haltungsschulung. Gang, Schultern, Stimme, Lächeln. Die Kolleginnen kommentierten offen.
„So wolltest du uns sehen, Jona.“
„Eng genug?“
Die Haare und der weite Weg
Die Haare wuchsen. Nach Wochen der unordentlichen Übergangsphase wurde er zu Sylvie geschickt – in ihr eigenes Studio auf der anderen Seite der Stadt, in der Nähe des Westbahnhofs. Frau von Hardenberg hatte es so angeordnet. „Sie ist die Beste für diese Art von Umstellung. Jeden Morgen. Pünktlich.“
Der Tag begann jetzt um 5:30 Uhr. Rasur, kurze Dusche, Grundierung, dann die Bahn. Oft saß er bereits in Rock und Bluse, den Mantel darüber, die noch ungestylten Haare offen. Um 6:15 Uhr bei Sylvie. Fünfzig bis sechzig Minuten Waschen, Föhnen, Legen der inzwischen schulterlangen blonden Haare. Danach wieder die Bahn zurück. Um pünktlich um 7:50 Uhr in der Umkleide zu sein, blieb kein Puffer. Jede Verspätung wurde notiert und mit zusätzlicher Demütigung bestraft.
Als die Perücke endgültig wegfiel und die echten, gestylten Haare das Bild bestimmten, war von Jonas Berger nichts mehr zu erkennen. Selbst frühere Kollegen aus der Herrenabteilung gingen an ihm vorbei, ohne ihn zu identifizieren – oder sie erkannten ihn und starrten umso länger.
Das Geld, die Strumpfhosen und das Bügeln
Das Gehalt war ein Schock. Deutlich unter dem der anderen Verkäuferinnen. Nach Miete und Bahnfahrten blieb fast nichts. Dazu kamen die laufenden Kosten.
Besonders die Strumpfhosen. Feine 20-Denier-Paare hielten bei dem engen Rock, dem Sitzen, dem Gehen auf Absätzen und dem Hängenbleiben an Kanten selten länger als zwei bis drei Tage. Läufer entstanden ständig. Pro Woche brauchte er mindestens drei bis fünf neue Paar. Manche rissen bereits am ersten Tag. Billigere hielten noch kürzer. Teurere fraßen noch mehr vom knappen Geld.
Blusen verloren nach häufigem Waschen und Bügeln die Form. Röcke glänzten an den beanspruchten Stellen. Pumps liefen sich ab. Er kaufte ständig nach.
Und er musste bügeln. Jeden Abend. Weibliche Stoffe – Seide, feine Viskose, dünne Stretch-Mischungen – zerknitterten bei der kleinsten Bewegung. Einmal hinsetzen, und die Rückseite des Rocks zeigte Wellen. Eine Bluse nur kurz im Mantel zusammengedrückt, und die Ärmel waren zerknittert. Miriam brachte ihm in den ersten Wochen bei, wie man die empfindlichen Materialien richtig behandelte. Danach musste er es allein schaffen. Oft stand er bis nach 21 Uhr in seiner Küche am preiswerten Bügelbrett, die lackierten Nägel behinderten ihn, die Absätze, die er auch nach Feierabend tragen musste, ließen die Füße brennen.
Die Herrenabteilung ohne ihn
Seit seiner Versetzung stiegen die Verkaufszahlen im Herrenbereich deutlich. Die internen Auswertungen zeigten es Monat für Monat. Ohne sein Ego und seine Ungeduld arbeitete das Team ruhiger und abschlussstärker. Frau von Hardenberg erwähnte es gelegentlich mit einem dünnen Lächeln, wenn Jona gerade vor ihr stand – in engem Rock, hohen Schuhen und frisch gestylten Haaren.
Nach sechs Monaten – Young Contemporary
Nach genau sechs Monaten kam die Versetzung in die neu aufgebaute Abteilung „Young Contemporary“ in der Filiale am Stadtrand. Zielgruppe: Kundinnen zwischen Anfang zwanzig und Mitte dreißig, die selbst mehr Haut zeigten.
Die neue Kleiderordnung war eine klare Steigerung:
Röcke und Kleider so kurz, dass sie im Stehen bereits weit oben auf dem Oberschenkel endeten. Beim Sitzen rutschte der Stoff unweigerlich hoch. Der Slip – meist ein knapper, oft durchsichtiger Spitzenstring – war dann für jeden sichtbar.
Blusen und Tops mit bewusst anregendem Ausschnitt: tiefe V-Ausschnitte, die bis weit zwischen die durch den Push-up geformten Brüste reichten, oder Schnitte, die bei jeder Bewegung viel Haut und den Ansatz des BHs freigaben.
In der hellen, modernen Abteilung mit den großen Schaufenstern und den niedrigen Sitzmöbeln war nichts mehr zu verbergen. Jedes Mal, wenn Jona sich setzte, rutschte der Rock hoch. Kundinnen grinsten. Männer starrten und kommentierten. Die Kolleginnen machten wenig Hehl daraus, dass sie seine Situation amüsant fanden.
„Jona, Rock runter, man sieht alles.“
„Setz dich ruhig, die Kunden starren sowieso.“
Das Bügeln wurde noch aufwendiger. Die knappen, dünnen Stoffe zerknitterten sofort. Die Strumpfhosen – jetzt oft noch feiner – hielten teilweise nur einen Tag. Der Nachkauf belastete das extrem niedrige Gehalt weiter. Die Männer wurden zudringlicher. Hände landeten auf dem nackten Oberschenkel, unter dem Rock, am tiefen Ausschnitt.
Nach einem Jahr – Second Skin
Genau ein Jahr nach der ursprünglichen Unterschrift kam die nächste Stufe. Die Unternehmensleitung eröffnete im Stadtzentrum die neue Filiale „Second Skin“. Konzept: extrem figurbetonte, eng anliegende Kleidung. Stoffe, die wie eine zweite Haut saßen. Sehr junge, modebewusste Zielgruppe, die maximale Enge und maximale Sichtbarkeit wollte. Jona wurde als festes Gesicht der Abteilung dorthin versetzt.
Die Kleidung war jetzt so eng, dass er sich kaum noch bewegen konnte. Die Röcke und Kleider umschlossen Hüften und Oberschenkel wie ein Korsett. Beim Gehen nur noch winzige, kontrollierte Schritte. Beim Versuch zu sitzen schnitt das Material schmerzhaft ein, schob sich hoch und hob den Slip förmlich hervor. Sitzen wurde unmöglich. Die Blusen und Tops klebten am Körper, der tiefe Ausschnitt zeigte bei jeder Bewegung viel Haut und die Form des Push-up-BHs.
Die Absätze wurden weiter erhöht – auf 12 cm, dann 13 cm. Dünne Stilettos, die den Fuß extrem streckten und jede Unebenheit zur Gefahr machten.
Bus und Bahn
Da das Gehalt kein Auto erlaubte, blieb er auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen. Sitzen war unmöglich. Also stand er. Jeden Morgen zum Friseur auf der anderen Seite der Stadt, weiter zur Filiale, abends zurück. Oft in vollgestopften Wagen, die Beine eng beieinander, die hohen Absätze unsicher auf dem wackelnden Boden, die Hände vor dem Körper, um den gespannten Stoff im Schritt zu kaschieren.
Blicke. Kommentare. „Zufällige“ Berührungen.
Der Sturz
Es passierte an einem stark besuchten Freitagmorgen in der S-Bahn.
Der Wagen war voll. Jona stand in der Nähe der Mitte, die 13-cm-Stilettos bereits unsicher, der extrem enge Rock erlaubte nur winzige Schritte. Bei einem scharfen Bremsmanöver verlor er das Gleichgewicht. Der dünne Absatz rutschte weg. Er griff instinktiv nach dem Nächstbesten.
Seine lackierten Nägel und die Hand landeten an der Hose eines direkt vor ihm stehenden Mannes Mitte dreißig. Der Stoff rutschte. Der Gürtel gab nach. Die Hose und die Unterhose wurden mit dem Schwung des Falls ein gutes Stück heruntergezogen.
Jona landete hart auf den Knien und einer Hand, das Gesicht genau auf Höhe dessen, was plötzlich freilag. Der Schwanz des Mannes war halb erregt und direkt vor seinen Augen. Für einen Moment starrte er darauf – schockiert, unfähig, den Blick sofort abzuwenden, weil der enge Rock und die hohen Absätze jede schnelle Bewegung verhinderten.
Ein kollektives Lachen brach aus. Mehrere Fahrgäste hatten es gesehen. Handys waren bereits gezückt.
Der Mann sah hinab, sah Jonas’ Gesicht, den hochgerutschten Rock, den sichtbaren Spitzenstring, die schulterlangen blonden Haare und die lackierten Nägel, die noch am Hosenbund hingen. Er lachte rau und machte keine Anstalten, die Hose sofort hochzuziehen.
„Na, Süße“, sagte er laut genug für den halben Waggon. „Wenn du ihn schon rausholst und so anstarrst, kannst du auch gleich was damit machen.“ Er griff Jona leicht in die Haare und zog den Kopf einen Zentimeter näher. „Oder war das Absicht?“
Neues Lachen. Jemand rief: „Die Verkäuferin aus der engen Boutique hat sich ihren Morgenholz geholt!“
Eine Frau kicherte: „Bei dem Outfit und den Absätzen kein Wunder, dass sie auf die Knie geht.“
Jona versuchte aufzustehen. Der enge Rock und die 13-cm-Absätze machten es unmöglich. Er rutschte erneut, das Gesicht wieder näher an dem freiliegenden Schwanz. Der Mann nahm es weiterhin als Einladung, hielt ihn mit einer Hand leicht im Nacken und ließ die andere über Jonas’ bloßes Oberschenkel und den sichtbaren Slip gleiten.
Erst als der Zug in den nächsten Bahnhof einfuhr, halfen zwei andere Männer – nicht ohne dabei ausgiebig zuzugreifen und den Rock noch weiter hochzuschieben. Der betroffene Mann zog seine Hose erst hoch, als Jona bereits auf den Beinen und tiefrot im Gesicht war. Er zwinkerte ihm zu.
„Nächste Mal einfach knien bleiben, Blondine. Ich fahr die Strecke jeden Tag.“
Die Folgen und der weitere Alltag
In der Filiale war der Vorfall nicht zu verbergen. Die Filialleiterin hörte sich den Bericht an und zuckte nur mit den Schultern.
„Dann hältst du dich besser fest, wenn du fällst. Oder du nimmst die Konsequenzen. Die Kleidung bleibt eng. Die Absätze bleiben hoch. Du fährst weiter mit Bahn und Bus.“
In den folgenden Tagen und Wochen erkannten ihn mehrere Fahrgäste wieder. Manche grinsten wissend. Der Mann aus dem Vorfall tauchte erneut auf und stellte sich absichtlich nah hinter ihn. Jona konnte weder ausweichen noch sich setzen.
Der Tag blieb derselbe, nur härter.
5:30 Uhr Aufstehen.
Bahn zum Friseur – stehend, auf extremen Absätzen, in Kleidung, die kein Sitzen erlaubte und jeden Sturz zur öffentlichen Demütigung machte.
Weiterfahrt zur Filiale unter denselben Bedingungen.
Ankunft mit brennenden Füßen.
Haltungsschulung. Ladenöffnung.
Abends die Rückfahrt. Dann stundenlanges Bügeln der extrem engen, trotzdem zerknitterten Stoffe. Ständige Nachkäufe von Strumpfhosen und noch engeren Teilen. Das Gehalt reichte kaum. In der alten Herrenabteilung liefen die Zahlen weiter besser als zu seiner Zeit.
Die endgültige Normalität
Monate später stand Jona nach Ladenschluss vor der Filialleiterin. Der Rock saß so eng, dass er die Knie kaum bewegen konnte. Die 13-cm-Stilettos zwangen ihn in permanente Anspannung. Der Slip zeichnete sich auch im Stehen ab.
„Du fällst seltener“, sagte sie. „Du hast gelernt, wie gefährlich die Kombination ist. Und du weißt jetzt, was passiert, wenn du dich an der falschen Stelle festhältst.“
Sie musterte den gespannten Stoff und die extremen Absätze.
„Der Vertrag bleibt. Alles bleibt. Für immer.“
Jona nickte.
Die lackierten Nägel lagen vor dem Körper. Die blonden Haare fielen weich nach vorne. Die Erinnerung an den Schwanz direkt vor seinem Gesicht, das Lachen der Fahrgäste und die Hand im Nacken saß tiefer als jeder Muskelkater.
Er hatte gefordert, dass die Frauen mehr Aufwand betreiben und sich enger und sexier kleiden sollten.
Jetzt lebte er genau das – in Kleidung, die so eng war, dass er sich nicht setzen konnte, auf Absätzen, die jeden Schritt zur Gefahr machten, unfähig, nach einem Sturz allein aufzustehen, und ein einziges Mal so gestürzt, dass er einem fremden Mann die Hose heruntergezogen und dessen Schwanz angestarrt hatte, während alle lachten und der Mann es als Einladung nahm.
Und niemand, der ihn in der Bahn stehen oder nach einem Sturz mühsam aufgerichtet sah, erkannte in ihm noch den Mann, der er einmal gewesen war.
