Reiseleiterin mit dem gewissen Etwas
Ja, es gibt weitere Kapitel – die Geschichte ist ja noch nicht zu Ende. 😊
Hier kommt direkt das nächste:
Kapitel 7
Der siebte Tag – der Rückreisetag – fühlte sich an wie das sanfte Ausklingen eines langen, intensiven Traums.
Der Wecker klingelte um halb sechs. Draußen war es noch dunkel, nur die ersten Lichter der Stadt Bozen flackerten unten im Tal. Im Zimmer zog ich die Perücke ein letztes Mal auf, trug das Make-up auf – diesmal bewusst etwas dezenter, fast so, als wollte ich mich langsam zurückverwandeln, ohne es abrupt zu tun. Ich wählte die cremefarbene Bluse und den khakifarbenen Skort vom dritten Tag – bequem für die lange Busfahrt, aber immer noch eindeutig Alexandra.
Unten im Frühstücksraum war die Stimmung gedämpft. Die meisten Gäste saßen schon mit gepackten Koffern da, nippten schweigend am Kaffee. Viele schauten mich an, als ich hereinkam – ein bisschen wehmütig, ein bisschen dankbar.
„Guten Morgen, Alexandra“, sagte Frau Huber leise, als ich an ihrem Tisch vorbeiging. „Oder … wie auch immer Sie heute heißen.“
Ich lächelte und setzte mich kurz zu ihr.
„Ich bin immer noch Alexandra“, sagte ich. „Zumindest bis wir in München ankommen.“
Sie drückte meine Hand. „Passen Sie auf sich auf. Und kommen Sie wieder. Egal in welcher Gestalt.“
Die Kinder kamen noch einmal angerannt, umarmten mich fest. „Tante Alexa, du darfst nicht traurig sein“, sagte die Kleine. „Wir kommen nächstes Jahr wieder – und dann bist du wieder da, ja?“
„Ich versprech’s“, flüsterte ich.
Paolo wartete draußen. Der Bus war schon beladen, die Gepäckklappen geschlossen. Er schaute mich an – länger als sonst.
„Letzte Fahrt als Alexandra?“, fragte er.
„Ich weiß es noch nicht“, antwortete ich ehrlich. „Aber ich hab das Gefühl, dass sie nicht einfach verschwindet.“
Abfahrt um sieben. Mikro an, Stimme etwas belegter als sonst.
„Guten Morgen, meine Lieben. Alexandra hier – zum letzten Mal auf dieser Tour. Heute geht’s zurück: erst über den Brenner, dann durchs Inntal, Raststätten wie immer, Ankunft in München gegen Abend. Ich komme gleich für die letzte Getränkerunde. Und … danke. Für alles.“
Die Getränke gingen langsam, fast feierlich. Viele Gäste kamen persönlich nach vorne, umarmten mich, drückten mir kleine Zettel, Fotos, Schokolade in die Hand. Jemand spielte leise „Auf Wiederseh’n, Sweetheart“ über Handy-Lautsprecher – alle lachten und weinten gleichzeitig.
Der Brennerpass war noch im Morgennebel. Oben hielten wir kurz – wie immer. Diesmal stieg fast niemand aus. Alle blieben sitzen, schauten hinaus, hielten Händchen. Ich stand vorne, Mikro in der Hand, und sagte nichts. Es gab nichts mehr zu sagen.
Bei der großen Raststätte am Inntal gab’s die letzte große Pause. Die Gruppe verteilte sich – manche rauchten, manche holten Kaffee, manche saßen einfach nur da. Ich ging von Tisch zu Tisch, verabschiedete mich einzeln.
„Danke, Alexandra.“
„Bis nächstes Jahr.“
„Sie haben uns glücklich gemacht.“
„Bleiben Sie so, wie Sie sind.“
Paolo kam zu mir, als ich gerade allein an einem Tisch saß.
„Du hast die Woche verändert“, sagte er leise. „Nicht nur für die Gäste. Auch für dich.“
Ich nickte nur.
Die letzte Etappe: durchs bayerische Oberland, vorbei an Seen und Bergen, die plötzlich so vertraut wirkten. Die Stimmung im Bus war ruhig, fast meditativ. Jemand summte leise „Die Gedanken sind frei“. Ich summte mit.
Kurz vor München – schon die ersten Vororte – nahm ich das Mikro ein letztes Mal.
„Liebe Gruppe … wir sind gleich da. Ich wollte nur sagen: Das war die schönste Woche meines Lebens. Danke, dass ihr mich Alexandra habt sein lassen. Und egal, wen ihr nächstes Mal seht – wisst, dass ich immer noch dieselbe bin. Nur vielleicht … ein bisschen mehr.“
Es wurde still. Dann klatschten sie. Lange. Stehend. Tränen liefen bei vielen.
Am Münchner ZOB rollte der Bus ein. Die Gäste stiegen aus, langsam, zögernd. Viele umarmten mich noch einmal. Frau Huber drückte mir zum Abschied einen kleinen Strauß Edelweiß in die Hand.
„Für Alexandra“, sagte sie. „Und für Alex. Beide.“
Dann war der Bus leer.
Nur noch Paolo, Lena, Sophie und ich.
Wir saßen eine Weile schweigend.
„Und jetzt?“, fragte Lena schließlich.
Ich schaute aus dem Fenster auf die Lichter der Stadt.
„Ich geh erst mal nach Hause“, sagte ich. „Und dann … schau ich, wer ich morgen früh im Spiegel sehe.“
Sophie lächelte. „Egal wer – wir sind stolz auf dich.“
Paolo nickte. „Und wenn du nächstes Mal als Alexandra fährst … sag Bescheid. Ich fahr gern wieder mit.“
Ich lachte leise – zum ersten Mal seit Stunden echt.
„Abgemacht.“
Ich stieg als Letzte aus. Perücke noch auf, Rock raschelnd, Edelweiß in der Hand.
Alexandra ging über den Busbahnhof.
Und irgendwo tief drin wusste ich: Sie würde nicht verschwinden.
Nicht ganz.
Vielleicht würde sie sogar öfter rauskommen.
Und das fühlte sich gut an.
