Reiseleiterin mit dem gewissen Etwas
Kapitel 6
Der sechste Tag – der letzte volle Tag der Tour – begann mit einem dieser stillen, fast feierlichen Dolomiten-Morgen: leichter Nebel hing noch in den Tälern, die Gipfel ragten scharf und golden aus dem Dunst, und die Luft schmeckte nach Abschied.
Im Zimmer des Hotels am Misurina-See ging ich das Ritual ein letztes Mal durch. Perücke sorgfältig festgesteckt, Make-up ein bisschen stärker als sonst – Rouge etwas tiefer, Lippen in einem warmen Korallton. Heute wollte ich es spüren. Ich wählte die hellgraue Bluse mit den dezenten Streifen, den dunkelblauen Jersey-Rock und – zum ersten Mal – die Sandaletten mit dem kleinen Absatz. Nicht hoch, aber spürbar. Ein Hauch von Eleganz für den letzten Tag.
Unten im Speisesaal war die Stimmung bereits wehmütig. Die Gäste saßen länger als sonst, plauderten, machten Fotos voneinander, von der Terrasse mit dem See.
„Alexandra, kommen Sie doch noch mal zu uns!“ rief Frau Huber und winkte mich an den großen Tisch der Rentner-Pärchen.
Ich setzte mich kurz.
„Wir haben alle gesammelt“, sagte sie und schob mir einen kleinen Umschlag hin. „Nur ein Dankeschön. Für die schönste Woche seit Jahren.“
Ich öffnete ihn später – ein handgeschriebener Brief von fast der ganzen Gruppe, dazu ein Gutschein für ein Wellness-Wochenende in Südtirol. „Für Alexandra – oder Alex, falls er zurückkommt“, stand drin. Ich musste blinzeln.
Die Kinder kamen angerannt, drückten mir noch ein Bild in die Hand: diesmal Alexandra mit Krone aus Edelweiß und dem Bus als Kutsche.
„Damit du uns nie vergisst“, sagte die Kleine ernst.
„Ich werd euch nie vergessen“, versprach ich – und meinte es.
Paolo wartete draußen. Er hatte heute keinen Kaffeebecher, sondern nur ein leises Lächeln.
„Letzter Tag“, sagte er. „Bist du bereit, Alexandra?“
„Ich bin bereit“, antwortete ich. „Und ein bisschen traurig.“
Abfahrt um neun. Mikro an, Stimme etwas weicher als sonst.
„Guten Morgen, meine allerliebsten Reisegäste. Alexandra hier – und heute ist leider schon unser letzter gemeinsamer Tag. Wir fahren noch einmal hoch: Tre Croci-Pass mit Blick auf die Drei Zinnen, dann der Misurina-See-Rundweg, Mittagessen in einem kleinen Berggasthof. Danach geht’s langsam Richtung Norden, Übernachtung in der Nähe von Bozen. Wer Kaffee oder Tee möchte … ich komme sofort. Und wer Fotos oder Umarmungen will – heute ist der Tag dafür.“
Die Getränke gingen schneller als je. Die Leute standen sogar auf, umarmten mich beim Servieren. Jemand steckte mir eine kleine Edelweiß-Anstecknadel ans Revers der Bluse. „Für immer Alexandra“, flüsterte die Dame.
Der Tre-Croci-Pass war atemberaubend. Wir hielten oben, stiegen aus. Wind, Sonne, die Drei Zinnen wie gemalt. Die Gruppe machte ein riesiges Gruppenfoto – ich mittendrin, in der Mitte, Arm um Arm. Jemand rief: „Alexandra, sag was!“
Ich nahm das Mikro noch einmal in die Hand, draußen vor dem Bus.
„Ich wollte euch nur sagen … danke. Für euer Vertrauen, für eure Geschichten, für eure Lachen. Diese Woche war für mich etwas ganz Besonderes. Und egal, wie ich morgen heiße – ich werd immer an euch denken.“
Es wurde still. Dann klatschten sie. Lange. Und einige hatten Tränen in den Augen.
Mittagessen im Berggasthof: Polenta mit Wildragout, Kaiserschmarrn zum Nachtisch. Ich saß mit der Gruppe, aß mit, lachte mit, ließ mich fotografieren. Kein Abstand mehr. Keine Rolle. Nur noch Alexandra.
Nachmittags: der langsame Rückweg. Die Stimmung war bittersüß. Lieder wurden gesungen, alte Geschichten noch einmal erzählt. Ich saß barfuß auf meinem Platz, Sandaletten daneben, und hörte zu. Manchmal summte ich mit.
Am späten Nachmittag erreichten wir das letzte Hotel – ein schönes Haus in der Nähe von Bozen, mit großem Garten und Blick auf die Rosengarten-Gruppe.
Check-in, Gepäck verteilen, letzte Runde Getränke im Bus. Die meisten wollten noch ein Bier oder einen Wein zusammen trinken.
Abendessen: großes Abschiedsessen im Garten. Kerzen, Livemusik, ein extra langer Tisch für alle. Ich servierte nicht mehr – ich saß mittendrin. Die Gäste bestanden darauf. Sie stießen auf mich an, auf „Alexandra“, auf die schönste Tour ever.
Spätabends, als die meisten schon aufs Zimmer gegangen waren, saßen nur noch Lena, Sophie, Paolo und ich draußen unter den Sternen.
„Morgen früh geht’s zurück“, sagte Paolo leise. „Und dann?“
Ich schaute in den Himmel.
„Ich weiß es noch nicht genau“, sagte ich. „Aber ich glaube … ich will nicht ganz aufhören. Vielleicht mach ich weiter. Als Alexandra. Zumindest ab und zu.“
Lena lächelte. „Das klingt gut.“
Sophie legte mir die Hand auf den Arm. „Du musst nichts entscheiden. Aber du weißt jetzt, wer du sein kannst. Das reicht schon.“
Wir saßen noch lange. Irgendwann ging jeder ins Zimmer.
Im Zimmer zog ich die Perücke ab, wusch das Make-up ab. Alex im Spiegel.
Aber diesmal sah ich nicht nur ihn.
Ich sah jemanden, der gerade erst begonnen hatte, sich selbst zu entdecken.
Morgen würde die Tour enden.
Aber Alexandra? Die würde bleiben.
Irgendwo in mir.
Und vielleicht – irgendwann – auch draußen.
