Reiseleiterin mit dem gewissen Etwas

Kapitel 5

Der fünfte Tag begann mit einem dieser seltenen, fast unwirklichen Dolomiten-Morgen: Die Luft war so klar, dass man die gegenüberliegenden Gipfel fast greifen konnte, und ein leichter Frost lag über den Wiesen.

Im Zimmer des „Alpenhofs“ lief das Morgenritual inzwischen wie ein gut eingespieltes Programm. Perücke glattstreichen, Make-up in fünf Minuten, heute ein cremefarbenes Longsleeve-Shirt mit dezentem V-Ausschnitt, dazu der dunkelblaue Jersey-Rock vom ersten Tag und flache, bequeme Schnürer. Kein Skort mehr – heute sollte es etwas eleganter werden, schließlich stand der berühmte Passo Gardena auf dem Programm.

Unten im Frühstücksraum wurde ich schon von mehreren Tischen gleichzeitig gerufen.

„Alexandra, kommen Sie doch mal her!“ – „Guten Morgen, Alexandra!“ – „Haben Sie schon den Nebel unten im Tal gesehen?“

Ich ging von Tisch zu Tisch, plauderte kurz, nahm Bestellungen für unterwegs auf („Extra viel Kaffee bitte!“), verteilte Zirbenbonbons an die, die gestern welche bekommen hatten. Die Kinder der Familie drückten mir ein selbstgemaltes Bild in die Hand: ein Bus mit einer langen blonden Frau drauf (die Perücke war eindeutig zu hell dargestellt) und daneben Berge mit lachenden Gesichtern.

„Für Tante Alexa“, sagte die Kleine feierlich.

Ich spürte einen Kloß im Hals. „Das ist das Schönste, was ich je geschenkt bekommen habe. Danke.“

Paolo wartete draußen mit einem dampfenden Becher in der Hand.

„Heute wird’s hoch hinaus“, sagte er und reichte mir den Kaffee. „Passo Gardena, dann runter nach Cortina d’Ampezzo. Die Gruppe ist richtig heiß drauf.“

„Ich auch“, antwortete ich ehrlich.

Abfahrt um neun. Mikro an, Stimme klar und warm.

„Guten Morgen, meine Lieben! Alexandra spricht. Heute steht einer der schönsten Alpenpässe auf dem Programm: der Gardena-Pass auf über 2.100 Meter. Oben grandiose Ausblicke auf die Sella-Gruppe und die Geisler. Danach geht’s hinunter ins Ampezzo-Tal nach Cortina. Wer Kaffee oder Tee will – ich starte sofort. Und wer Fotos machen möchte: einfach rufen.“

Die Getränke gingen weg wie warme Semmeln. Die Stimmung war ausgelassen. Jemand begann ein altes Wanderlied zu singen, andere fielen ein. Ich summte mit, während ich die Becher verteilte.

Der Aufstieg zum Pass war atemberaubend. Paolo fuhr langsam, damit alle die Aussicht genießen konnten. Oben hielten wir an einem der großen Parkplätze mit Panoramablick. Wind, Sonne, Schnee in den Schatten – und ein Panorama, das einem den Atem raubte.

„Eine Stunde Zeit“, rief ich. „Wer will, kann mit mir den kurzen Panoramaweg gehen – nur zehn Minuten, flach, aber spektakulär. Oder einfach hier bleiben und Fotos machen.“

Fast die Hälfte der Gruppe schloss sich mir an. Wir spazierten los, ich vorneweg, zeigte auf die Gipfel, erzählte die eine oder andere Sage (meistens frei erfunden, aber passend). Frau Huber ging neben mir.

„Wissen Sie, Alexandra … ich hab in all den Jahren Busreisen gemacht. Aber so eine Woche wie diese … die werde ich nie vergessen.“

Ich lächelte. „Das geht mir genauso.“

Oben am Aussichtspunkt machten wir Gruppenfotos. Ich stand mittendrin, Arm um die Schulter der Kleinen gelegt, Wind in den Haaren (der Perücke). Jemand rief: „Alexandra, lächeln!“ – und ich lachte laut und echt.

Zurück im Bus: Die Abfahrt nach Cortina. Serpentinen, Tunnel, immer wieder Ausblicke. Die Leute filmten, fotografierten, plauderten. Ich saß vorne, barfuß (die Schuhe hatte ich längst ausgezogen), und fühlte mich … angekommen.

Mittagspause in Cortina d’Ampezzo. Die Gruppe verteilte sich in der eleganten Kurstadt – manche in die Cafés, andere shoppen, wieder andere einfach nur flanieren. Ich traf Lena und Sophie in einem kleinen Bistro mit Terrasse.

„Und? Wie fühlt sich der fünfte Tag als Alexandra an?“ fragte Sophie.

„Als ob ich nie was anderes gemacht hätte“, gab ich zu. „Es fühlt sich nicht mehr wie Verkleiden an. Es fühlt sich … richtig an.“

Lena nickte langsam. „Das hab ich mir gedacht. Du strahlst anders. Nicht nur die Gäste merken das – du merkst es selbst.“

„Und wenn die Woche vorbei ist?“, fragte ich leise. „Was dann?“

Sophie zuckte die Schultern. „Dann entscheidest du. Aber ich wette, ein Teil von Alexandra bleibt. Für immer.“

Wir schwiegen einen Moment, schauten auf die Berge.

„Morgen ist der letzte volle Tag“, sagte Lena. „Tre Croci, Misurina-See, dann zurück Richtung Norden. Danach … Abschied.“

„Noch nicht dran denken“, murmelte ich.

Zurück im Bus: Die Nachmittagsfahrt zum Hotel bei Misurina. Die Stimmung war fast feierlich. Jemand hatte eine kleine Playlist gemacht – italienische Schlager, alte Hits. Ich sang mit, tanzte sogar ein bisschen auf meinem Platz (so gut es im Bus ging). Die Kinder lachten sich kaputt.

Abendessen im Hotel „Lago di Misurina“: Große Terrasse mit Seeblick, Kerzen, Livemusik. Ich servierte, goss nach, setzte mich zwischendurch an Tische, plauderte. Die Trinkgelder waren inzwischen so hoch, dass ich ernsthaft überlegte, ob ich mir davon neue Garderobe kaufen sollte – richtige, für Alexandra.

Spätabends saßen wir wieder zusammen – diesmal draußen am Seeufer, eingewickelt in Decken.

„Morgen der letzte Tag“, sagte Paolo leise. „Und dann? Zurück nach Hause … als Alex?“

Ich schaute auf das dunkle Wasser, in dem sich die Sterne spiegelten.

„Ich weiß es nicht“, sagte ich ehrlich. „Aber ich hab Angst, dass ich Alexandra vermissen werde.“

Lena legte mir den Arm um die Schulter.

„Dann nimm sie mit“, sagte sie einfach. „Ein Stück weit. Niemand sagt, du musst dich entscheiden. Du kannst beides sein.“

Ich nickte langsam.

Im Zimmer zog ich die Perücke ab, wusch das Make-up ab. Alex im Spiegel. Aber diesmal sah ich nicht nur ihn.

Ich sah jemanden, der gerade erst anfing zu verstehen, wer er (oder sie) wirklich sein konnte.

Morgen der letzte Tag auf Tour.

Und Alexandra war entschlossen, ihn zu genießen – bis zur letzten Minute.

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