Reiseleiterin mit dem gewissen Etwas
Kapitel 4
Der vierte Tag brach mit einem dieser klaren, fast schneidenden Herbstmorgen an, wie sie nur in den Dolomiten vorkommen: die Luft roch nach Harz und frischem Tau, die Gipfel leuchteten rosa im ersten Licht.
Im Zimmer des „Alpenhofs“ ging das Morgenritual inzwischen fast automatisch. Perücke zurechtzupfen, Foundation auftragen, Rouge hauchdünn, Wimpern tuschen, Lipgloss – ich brauchte keine zehn Minuten mehr. Heute wählte ich den khakifarbenen Skort von gestern, dazu ein helles Fleece mit Reißverschluss und flache Wanderschuhe. Praktisch, aber immer noch feminin genug, dass niemand zweimal hinsah.
Unten im Speisesaal wurde ich sofort umringt.
„Guten Morgen, Alexandra!“ Frau Huber winkte mich an ihren Tisch. „Setzen Sie sich doch einen Moment. Wir haben Ihnen was mitgebracht.“
Sie schob mir ein kleines Päckchen hin – selbstgemachte Zirbenbonbons aus dem Gadertal.
„Die helfen gegen alles“, sagte sie verschwörerisch. „Auch gegen … na ja, gegen das, was Alex vielleicht noch plagt.“
Ich lachte leise und bedankte mich herzlich. „Ich geb sie ihm gleich weiter, sobald er wieder fit ist. Danke, wirklich.“
Die Kinder der Familie stürmten herbei.
„Tante Alexa, heute wandern wir, oder? Du kommst doch mit, oder?“
„Heute nur ein kleiner Spaziergang in St. Ulrich“, erklärte ich. „Aber ich bleib bei euch, versprochen.“
Getränke- und Frühstücksrunde: Rekord. Dreißig Bestellungen in zwölf Minuten. Die Trinkgelder füllten inzwischen eine eigene kleine Tasche in meinem Rucksack. Ich fühlte mich nicht mehr wie jemand, der eine Rolle spielte – ich war einfach … da.
Paolo wartete am Bus, diesmal mit zwei Bechern Kaffee in der Hand.
„Einer für dich, Alexandra“, sagte er und reichte mir den mit Milchschaum. „Heute wird anstrengend. Grödner Tal, Seceda-Seilbahn, eventuell kleine Wanderung. Bist du fit?“
„Fit wie nie“, antwortete ich und nahm einen Schluck. Der Kaffee war stark und süß – genau richtig.
Abfahrt um acht Uhr dreißig. Mikro an, Stimme warm und einladend.
„Guten Morgen, liebe alle! Alexandra hier. Heute entführen wir Sie ins Grödner Tal: St. Ulrich, Seceda-Aussicht auf über zweitausendfünfhundert Meter, Mittagessen oben oder unten – Sie entscheiden. Danach Zeit in der Ortschaft oder ein kleiner Spaziergang. Wer Kaffee möchte, Hand hoch – los geht’s!“
Die Hände schossen hoch. Getränke flogen, Gespräche summten. Ich plauderte beim Servieren: mit den Augsburger Freundinnen über die besten Speckbrotstellen, mit Herrn Meier über die Geschichte der ladinischen Sprache, mit den Kindern über die Murmeltiere, die man manchmal sieht.
Am Seceda-Parkplatz hielten wir. Die Seilbahn wartete schon.
„Zehn Minuten Zeit zum Umziehen oder Jacke holen“, rief ich. „Oben ist es deutlich kühler – plus fünf Grad und Wind. Wer will, kann mit mir hochfahren.“
Fast alle wollten hoch. In der Gondel plauderte ich weiter, zeigte auf die Geislergruppe, erklärte die Sage vom „Schlernhexen“. Oben angekommen: Wind, Sonne, Panorama bis zum Horizont. Die Gruppe verteilte sich, machte Fotos, staunte.
Ich blieb bei den Langsameren, half beim Selfie-Stick, zeigte die besten Blickpunkte. Frau Huber hakte sich wieder bei mir ein.
„Wissen Sie, Alexandra … ich fahr seit dreißig Jahren Busreisen. Aber so eine Woche wie diese hatte ich noch nie. Sie machen das mit Herz.“
Ich wurde rot – zum Glück schob der Wind die Haare ins Gesicht.
„Danke“, murmelte ich. „Das bedeutet mir viel.“
Mittag oben im Bergrestaurant: Knödel, Schlutzkrapfen, Kaiserschmarrn. Ich aß mit der Gruppe an einem langen Tisch – kein separates Crew-Essen mehr. Die Kinder wollten, dass ich neben ihnen sitze. Ich lachte, erzählte Witze, half beim Bestellen.
Zurück unten in St. Ulrich: Freie Zeit. Manche shoppten Holzschnitzereien, andere saßen in der Sonne. Ich traf Lena und Sophie in einem kleinen Café am Marktplatz.
„Und? Wie fühlt sich Alexandra inzwischen an?“ fragte Lena grinsend.
„Zu gut“, gab ich zu. „Ich merk gar nicht mehr, dass ich … na ja, nicht immer so war.“
Sophie lehnte sich vor. „Genau das ist der Punkt. Du bist gut darin, weil du nicht spielst. Du bist einfach Alexandra.“
„Und wenn die Woche vorbei ist?“ fragte ich leise.
Beide schwiegen einen Moment.
„Dann entscheidest du“, sagte Lena schließlich. „Aber ich wette, du wirst ein Stück von ihr mitnehmen.“
Wir lachten, stießen mit Cappuccino an. Doch der Gedanke blieb hängen.
Zurück im Bus: Die Nachmittagsfahrt Richtung Wolkenstein. Die Stimmung war auf dem Höhepunkt – Lieder wurden gesungen (ja, sogar „99 Luftballons“), Geschichten erzählt, Fotos gezeigt. Ich saß barfuß auf meinem Platz, Perücke leicht zerzaust vom Wind, und fühlte mich … zu Hause.
Abendessen im Hotel: Wieder Garten, Kerzen, Livemusik. Ich servierte, goss nach, plauderte. Die Trinkgelder waren inzwischen so hoch, dass ich ernsthaft überlegte, ob ich mir was Schönes davon kaufen sollte.
Spätabends saßen wir vier – Lena, Sophie, Paolo und ich – noch auf der Terrasse.
„Morgen Passo Gardena und dann runter nach Cortina“, sagte Paolo. „Wird spektakulär.“
„Und du?“, fragte Sophie mich. „Bleibst du Alexandra?“
Ich schaute in die Sterne über den Dolomiten.
„Ich weiß nicht“, sagte ich ehrlich. „Aber ich will es herausfinden.“
Im Zimmer zog ich die Perücke ab, wusch das Make-up ab. Alex im Spiegel. Aber diesmal sah ich nicht nur ihn.
Ich sah auch sie.
Und beide lächelten.
Morgen würde ein neuer Tag werden. Und Alexandra war bereit.
