Reiseleiterin mit dem gewissen Etwas
Kapitel 3
Der dritte Tag begann mit einem dieser perfekten Südtirol-Morgen: strahlend blauer Himmel, die Dolomiten schon in goldenes Licht getaucht, und ein Hauch von frischem Brotduft aus der Hotelküche.
Im Zimmer der „Krone“ stand ich wieder vor dem Spiegel. Perücke zurechtgerückt, Make-up nachgezogen – mittlerweile ging das schneller, fast schon routiniert. Der dunkelblaue Rock von gestern saß noch perfekt, ich wechselte nur die Bluse gegen eine hellgraue mit dezenten Streifen. Ballerinas statt Absätze – ich hatte aus dem gestrigen Tag gelernt.
Unten im Frühstücksraum wurde ich schon erwartet.
„Guten Morgen, Alexandra!“ rief Frau Huber, die resolute Dame aus der zweiten Reihe, und winkte mich sofort zu ihrem Tisch. „Setzen Sie sich doch kurz zu uns, bevor’s losgeht.“
„Guten Morgen! Nur ganz kurz, die Abfahrt wartet ja nicht“, lächelte ich und nahm Platz.
„Wie geht’s denn unserem Alex inzwischen? Hoffentlich nichts Schlimmes mit dem Magen?“
„Er ruht sich aus und meldet sich bald wieder fit“, log ich mit dem charmantesten Lächeln, das ich draufhatte. „Aber ich versprech Ihnen: Heute wird’s besonders schön.“
Die Kinder der Familie kamen angerannt.
„Tante Alexa! Guck mal, ich hab ’nen neuen Stein gefunden!“ Der Kleine hielt mir stolz einen glänzenden Quarzkristall hin.
„Der ist wunderschön! Den musst du unbedingt mit nach Hause nehmen“, sagte ich und strich ihm übers Haar.
Getränke- und Frühstücksrunde: Fast alle bestellten zweimal. Kaffee, frisch gepresster Orangensaft, sogar extra Semmeln mit Marmelade. Die Trinkgelder landeten unauffällig in meiner Rocktasche. Ich fühlte mich … leicht. Richtig leicht.
Paolo wartete schon am Bus, lehnte lässig am Kotflügel und trank seinen Espresso aus einem Pappbecher.
„Bereit für die Berge, Alexandra?“
„Mehr als je“, antwortete ich – und meinte es ernst.
Abfahrt um halb neun. Mikro in der Hand, Stimme weich, aber deutlich.
„Guten Morgen, liebe Reisegruppe! Alexandra hier – Alex lässt herzlich grüßen und sagt, er vermisst euch alle schon. Heute geht’s richtig hoch hinaus: Pustertal, Kronplatz-Aussicht, dann runter ins Gadertal und weiter Richtung Alta Badia. Wer Kaffee oder Tee möchte, einfach Hand hoch – ich starte gleich die Runde.“
Ein begeistertes Murmeln und viele Hände gingen hoch. Die Getränke flogen nur so weg. Ich plauderte beim Servieren: mit Herrn Meier über die alten Sessellifte, mit der Familie über die besten Rodelbahnen im Winter, mit den zwei Freundinnen aus Augsburg über die schönsten Wanderwege. Kein steifes Schweigen mehr. Nur Gespräche. Echtes Interesse.
Am Kronplatz hielten wir an einem der großen Aussichtspunkte. Die Gruppe stieg aus, machte Fotos, staunte über die 360-Grad-Panoramen. Ich stand mittendrin, beantwortete Fragen, zeigte auf die berühmten Gipfel.
Eine ältere Dame hakte sich bei mir unter.
„Alexandra, Sie sind wirklich ein Schatz. So aufmerksam und immer ein nettes Wort. Der Alex war ja auch nett, aber … na ja, ein bisschen hölzern, finden Sie nicht?“
Ich lachte leise. „Er gibt sich große Mühe. Aber heute leg ich noch eine Schippe drauf.“
„Merken wir“, zwinkerte sie.
Weiterfahrt. Die Stimmung im Bus war ansteckend gut. Jemand fing an, „Die Gedanken sind frei“ zu summen – peinlich altmodisch, aber alle fielen ein. Ich summte mit, Mikro als imaginäres Dirigentenstäbchen. Gelächter überall.
Mittagspause in Corvara. Die Gruppe verteilte sich in der kleinen Ortschaft – manche zum Essen in der Sonne, manche shoppen, manche nur spazieren. Ich traf Lena und Sophie in einem kleinen Café mit Blick auf die Berge.
„Und? Wie läuft Alexandra inzwischen?“ fragte Lena mit leuchtenden Augen.
„Besser, als ich je gedacht hätte“, gab ich zu. „Die Getränke gehen weg wie nix. Und die Leute … sie reden mit mir. Richtig.“
„Hab ich dir doch gesagt“, triumphierte Sophie. „Der Rock und die weiche Stimme machen den Unterschied.“
„Oder einfach die Tatsache, dass ich jetzt nicht mehr wie ein Typ wirke“, murmelte ich halb im Scherz.
„Genau das“, nickte Lena. „Du bist authentisch – auch wenn du’s gerade nicht ganz bist.“
Wir lachten, bestellten Cappuccino und Apfelstrudel. Für einen Moment fühlte es sich wirklich wie Urlaub an – nicht wie Arbeit.
Zurück im Bus: Die Nachmittagsetappe Richtung Alta Badia. Die Landschaft wurde immer dramatischer – schroffe Felsen, saftige Almwiesen, kleine Kapellen am Wegesrand. Ich erzählte Geschichten über die Ladinische Kultur – die meisten frei aus dem Kopf, aber sie klangen gut. Die Gäste hingen an meinen Lippen.
Kurz vor unserem Hotel kam die erste echte Bewährungsprobe: Frau Huber klagte plötzlich über Schwindel und Übelkeit. Ich setzte mich sofort neben sie, hielt ihre Hand, redete beruhigend. Paolo fuhr langsamer, suchte eine Apotheke im nächsten Dorf. Ich stieg mit aus, kaufte Kreislauftropfen, stilles Wasser, holte eine Decke aus dem Bus. Frau Huber lächelte schwach.
„Danke, Alexandra. Sie sind ein Engel.“
„Ach was“, sagte ich sanft. „Das macht man doch.“
Zurück im Bus klatschten ein paar sogar. Ernsthaft. Klatschten.
Im „Hotel Alpenhof“ – wunderschön gelegen, mit großem Garten und Bergblick – checkte ich alle ein. Frau Huber ging sofort aufs Zimmer, ruhte sich aus. Die anderen waren bester Laune.
Abendessen im Gartenrestaurant: Kerzen, leise Musik, Südtiroler Spezialitäten. Ich servierte, plauderte, goss Wein nach. Die Trinkgelder häuften sich. Ein älteres Paar lud mich sogar ein, auf ein Glas mit anzustoßen – ich nahm an, nippte nur, blieb professionell.
Spätabends, als der letzte Gast gegangen war, setzten Lena, Sophie und ich uns noch mit den Fahrern zusammen. Paolo prostete mir zu.
„Heute: über siebzig Euro Trinkgeld. Allein von deiner Gruppe. Und die Leute hängen an deinen Lippen, Alexandra.“
„Mich oder den Rock?“ fragte ich halb lachend.
„Beides“, sagte Sophie. „Aber vor allem dich. Du bist … du bist einfach gut darin.“
Ich schwieg einen Moment. Gut darin. Das Wort traf. Weil tief drin … fühlte sich Alexandra gar nicht mehr wie eine Verkleidung an.
Im Zimmer zog ich alles aus – Perücke ab, Make-up weg. Alex starrte zurück. Aber das Grinsen blieb. Und ein Gedanke, der sich nicht mehr wegschieben ließ:
Was, wenn ich das gar nicht mehr aufhören will?
Der vierte Tag stand bevor. Die Gruppe wollte einen Ausflug nach St. Ulrich machen, Grödner Tal, vielleicht eine kleine Wanderung. Und ich? Ich war mittendrin. Voll dabei. Als Reiseleiterin. Als Alexandra.
Und es fühlte sich richtig an.
