Reiseleiterin mit dem gewissen Etwas
Kapitel 2
„… und landest dann mit einer richtig fiesen Lebensmittelvergiftung im nächsten Hotel“, fuhr Sophie fort, als wäre das der normalste Plan der Welt.
Ich starrte sie über den Rand meiner Kaffeetasse an. „Und dann? Soll ich mich einfach umziehen und hoffen, dass keiner was merkt?“
„Genau so“, grinste Lena. „Wir haben schon alles durchdacht. Ich hab in meinem Bus ein paar Sachen, die dir passen könnten – ich bin ja nicht die Zierlichste. Und Sophie kriegt das Make-up hin, die macht dich richtig hübsch.“
„Ihr seid komplett durchgeknallt“, murmelte ich, aber in meinem Kopf drehte sich schon alles. Die Idee war absurd. Total verrückt. Und genau deswegen … kribbelte es irgendwie. Was, wenn es wirklich klappte? Bessere Laune bei den Gästen, mehr Trinkgeld, vielleicht sogar ein bisschen Spaß? „Okay … rein hypothetisch: Was genau müsste ich anziehen?“
„Nichts Ausgefallenes“, versicherte Sophie. „Ein schlichter Rock, eine Bluse, flache Schuhe – und eine Perücke aus Lenas Notfall-Koffer. Deine Haare sind ja schon lang genug, das hilft.“
„Ich trag sie nur, weil’s praktisch ist“, brummte ich. Schulterlang, meistens zum Zopf gebunden – Friseur war selten drin.
„Perfekt“, freute sich Lena. „Und für den Namen: Alexandra. Kurz Alex – fällt niemandem auf.“
Ich lachte leise. „Alexandra Berger. Klingt wie eine Steuerberaterin aus den Achtzigern.“
„Besser als Alexander, der ewige Langweiler“, stichelte Sophie. „Komm schon, Alex. Nur diese eine Woche. Wenn’s nicht läuft, bist du sofort wieder der alte du.“
Die Fahrer kamen zurück, klopften sich die Asche von den Schuhen. Paolo warf mir einen langen Blick zu – wissend, leicht amüsiert. „Bereit für die Vorstellung?“
„Noch nicht entschieden“, knurrte ich. Aber innerlich? Ich war schon halb drin.
Wir verabschiedeten uns, stiegen in die Busse. Der Rest der Fahrt nach Brixen verging in einem Wirbel aus Nervosität und „Was-zur-Hölle-mach-ich-da-eigentlich?“. Die Gäste plauderten ein bisschen mehr als vorher, aber es war immer noch … gedämpft. Als ob sie auf etwas warteten.
Am späten Nachmittag rollten wir beim „Hotel Krone“ ein. Schlüssel verteilt, Gepäck geholfen – Routine. Paolo parkte den Bus, und ich schlich mich rüber zu Lenas Bus, der zwei Plätze weiter stand.
„Bereit?“ flüsterte Lena, als sie die Crew-Tür aufmachte. In der Hand: eine große Stofftasche. Perücke, Schminkzeug, Kleidung.
„Noch nicht zu spät zum Aussteigen“, murmelte ich.
„Zu spät“, kicherte sie. „Komm rein, Alexandra.“
Drinnen, versteckt vor neugierigen Augen, begann der Wahnsinn. Zuerst duschen – heiß und schnell, um den Reisetag abzuwaschen. Dann Lenas Outfit: ein dunkelblauer Jersey-Rock, der bis übers Knie ging, eine cremefarbene Bluse mit dezentem Kragen, flache Ballerinas. Nichts Auffälliges, einfach … normal. Weiblich normal. Der Stoff fühlte sich anders an – weicher, enger an manchen Stellen. Seltsam ungewohnt.
„Jetzt die Perücke“, sagte Lena und setzte mir eine glatte, kastanienbraune Bob-Perücke auf. Sie saß perfekt über meinem eigenen Haar. „Und Make-up. Nicht zu viel: Foundation, ein bisschen Rouge, Mascara, Lipgloss. Du hast gute Gesichtszüge, Alex.“
Ihre Finger arbeiteten schnell und sicher. Ich starrte in den kleinen Spiegel: Die Augen wirkten größer, die Wangen weicher, die Lippen glänzten leicht. Immer noch ich – aber deutlich weiblicher. Mein Puls raste.
„Und jetzt die Haltung“, sagte Sophie, die gerade dazukam. Sie hatte ihre Gruppe schon versorgt. „Beweg dich nicht wie ein Trucker. Schultern zurück, kleiner Schritt, Stimme etwas höher und weicher. Üb mal: ‚Guten Abend, ich bin Alexandra.‘“
„Guten Abend, ich bin Alexandra“, quetschte ich raus. Klang wie ein Junge im Frauenkostüm.
„Nochmal. Sanfter.“
„Guten Abend … ich bin Alexandra.“ Besser. Immer noch komisch, aber machbar.
„Du siehst richtig gut aus“, sagte Lena ehrlich. „Wirklich. Keiner wird was merken.“
Ich drehte mich vor dem Spiegel. Der Rock schwang leicht, die Bluse saß. Ich? Sah aus wie … eine Reiseleiterin. Eine echte. „Okay. Bringen wir’s hinter uns.“
Paolo wartete draußen, lehnte am Bus. Er musterte mich von Kopf bis Fuß und pfiff leise. „Alex? Oder jetzt Alexandra? Sieht verdammt überzeugend aus. Die Gäste werden das lieben.“
„Hoffentlich nicht mich“, murmelte ich.
„Abendessen um halb acht. Du servierst, ich hol die Bestellungen. Morgen die volle Show im Bus.“
Ich nickte, schluckte schwer. Die Gäste kamen langsam in die Lobby. Ich blieb erst mal im Schatten, bis alle drin waren. Dann – tiefe Luft – trat ich ins Licht des Speisesaals.
„Guten Abend zusammen“, sagte ich – Alexandra-Stimme eingeschaltet. „Ich bin Alexandra und übernehme heute für Alex, der leider eine heftige Magenverstimmung hat. Hoffentlich stört es Sie nicht. Darf ich Ihnen den Tisch zeigen?“
Die erste Gruppe: Ein älteres Ehepaar aus der vierten Reihe. Die Frau blinzelte überrascht, der Mann lächelte freundlich. „Alexandra? Na dann gute Besserung an Alex. Bitte ans Fenster, wenn möglich.“
Kein Argwohn. Nur … ganz normale Höflichkeit. Als wäre es das Normalste der Welt.
Ich führte sie hin, plauderte über das Wetter in Südtirol, die besten Speckknödel der Region. Sie lachten. Lachten! Bei mir als Alex hätten sie höchstens genickt.
Der Abend lief wie von selbst. Ich servierte Suppe, Brot, nahm Bestellungen auf – Kalbsschnitzel, Spinatknödel, das Übliche. Meine Gäste – meine eigenen Gäste – unterhielten sich mit mir. Fragten nach Ausflugstipps für morgen, erzählten Anekdoten aus früheren Reisen. Die Familie mit den Kindern: Die Kleine nannte mich „Tante Alexa“ und wollte, dass ich mit ihr Male. Ich malte mit, lachte über ihre bunten Kritzeleien.
„Du bist ein Naturtalent“, flüsterte Sophie später, als sie mit ihrer Gruppe vorbeikam. „Schau dich um – alle grinsen.“
Tatsächlich. Der Saal summte vor Gesprächen, Gläser klirrten, Gelächter überall. Und ich mittendrin, in Rock und Perücke, fühlte mich … lebendig. Als ob eine unsichtbare Wand weggefallen wäre.
Nach dem Essen, als die letzten Gäste aufs Zimmer gingen, half ich beim Abräumen. Paolo klopfte mir auf die Schulter. „Achtunddreißig Euro Trinkgeld heute Abend. Plus die Getränke. Besser als die ganze Fahrt bisher.“
„Echt jetzt?“
„Echt jetzt. Willkommen als Alexandra.“
Ich schlich in mein Zimmer – allein, zum Glück. Perücke ab, Make-up abgewaschen. Im Spiegel: wieder Alex. Aber das Grinsen wollte nicht verschwinden. Die Nacht war unruhig, voller „Was-zum-Teufel“ und „Das war eigentlich … cool“.
Am nächsten Morgen: Frühstück. Wieder als Alexandra. Die Gäste begrüßten mich herzlich – „Hoffentlich wird Alex bald wieder fit?“ – und ich nickte, erfand eine harmlose Geschichte von verdorbenem Salat. „Aber ich bin topfit und freu mich riesig auf heute!“
Abfahrt um neun. Ich stieg in den Bus, Mikro in der Hand. Perücke saß, Rock raschelte beim Hinsetzen. Die Gäste stiegen ein, warfen mir neugierige, aber freundliche Blicke zu.
„Guten Morgen allerseits! Ich bin Alexandra und übernehme diese Woche für Alex – er erholt sich noch ein bisschen. Heute geht’s Richtung Pustertal, dann über den Kronplatz ins Gadertal. Wer möchte schon Kaffee?“
Ein begeistertes „Ja!“ und Gelächter. Die Getränkerunde? Ein Volltreffer. Sechsundzwanzig Verkäufe in fünfzehn Minuten. Die Leute plauderten, zeigten Fotos aus dem Fenster, fragten nach den schönsten Fotopunkten.
Paolo grinste im Rückspiegel. „Siehst du? Funktioniert.“
Die Fahrt war wie verwandelt. Pausen in kleinen Dörfern, wo ich mit den Gästen Kaffee trank und Selfies machte – als Alexandra, die nette Reiseleiterin. Kein Schweigen mehr. Keine steifen Antworten. Nur … echte Verbindung.
Am Nachmittag, beim Hotel „Alpenhof“ im Gadertal – unserem Stopp für die Nacht – half ich beim Abendessen. Wieder Erfolg: Geschichten, ein Glas Wein, Trinkgelder, die sich summierten. Die Familie lud mich ein, mit den Kindern Uno zu spielen. Die älteren Herrschaften fragten nach meinem Lieblingsort in den Dolomiten. Ich erfand, plauderte, fühlte mich … frei.
Als der Tag zu Ende ging, im Zimmer, starrte ich wieder in den Spiegel. Alexandra schaute zurück. Und zum ersten Mal fragte ich mich ernsthaft:
Wer bin ich eigentlich gerade? Alex? Alexandra? Oder vielleicht … beides?
Die Antwort würde diese Woche kommen. Und ich konnte es kaum erwarten.
